Initiative "Irrlichter"

Ein Rezensent formulierte zu meinem jüngst erschienenen Psychiatriemärchen "Seroquäl" die folgenden Worte: "Vielleicht haben auch ‚manchmal‘ im richtigen Leben die Patienten die weißen Kittel an." Ich möchte diese Aussage nicht im despektierlichen Sinne, sondern als Chance aufgreifen, sich wertschätzend aneinander zu entwickeln.

Als Peer Counselerin in der unabhängigen Teilhabeberatung bin ich daran interessiert, Menschen mit Behinderung langfristig dazu zu ermutigen, sich ihrer eigenen Kraft bewusst zu werden und diese für ihre selbstbestimmte Lebensgestaltung einzusetzen. Erkrankt ein Mensch jedoch psychisch schwer, ist er in dieser akuten Phase "noch" zu schwach und kraftlos und es kann notwendig werden, ihn in psychiatrische oder therapeutische Hände zu geben, insbesondere wenn ernstzunehmende suizidale Gedanken auftreten. Es muss eine angemessene Alternative geben zwischen den einstigen Verwahranstalten für psychisch kranke Menschen mit Behinderungen und dem heutigen Psychiatriewesen, welches Menschen mit Behinderungen in psychischen Notlagen oft gar nicht auf dem Schirm hat.

In diesem "Psychcast" spreche ich über schlechte Teilhabechancen für Menschen mit Behinderungen im psychiatrischen Hilfesystem. Das Interview führte Dr. Jan Dreher, Chefarzt der Klinik Königshof Krefeld, einer Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Neurologie. Link zum Psychcast

Menschen mit Behinderungen in psychischen Notlagen werden noch immer regelmäßig von tagesklinischen oder offenen psychiatrischen Einrichtungen zurückgewiesen, da man sich dort von dem zusätzlichen Handicap überfordert sieht. So werden die eigentlich Beratenden zu Überforderten und die eigentlich Überforderten zu Beratenden, obwohl diese selbst verzweifelt nach einer helfenden Hand suchen. Auch Menschen mit Behinderungen können seelisch erkranken und die Zurückweisung durch eine Klinik kann den Gesundheitszustand erheblich verschlimmern. So können z.B. Depression, Ablehnung und Handicap einander negativ verstärken. Im schlimmsten Fall kann dies zu einem Suizid führen. Gleiches gilt auch für andere psychiatrische oder neurologische Anliegen in Kombination mit zusätzlichen Behinderungen. Entscheidend ist, die "Landschaften" psychiatrisch Tätiger und deren Befangenheiten in diesen Konstellationen mit einzublenden, um Ablehnungsursachen konkret ausräumen zu können. Vor diesem Hintergrund werde ich als Inklusionsbotschafterin der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) weiterhin verstärkt zum Schwerpunkt "Psychiatrie und Handicap" beraten (sozialpädagogisch) und berichten (journalistisch). Mit der Initiative "Irrlichter" möchte ich durch engagierte Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit: Berührungsängste bei relevanten AkteurInnen innerhalb der Kliniken abbauen (Inklusion und Kommunikation), der Behinderung angemessene Therapierichtlinien anregen (Teilhabe und Selbstbestimmung) und generell barrierefreie Standards in der gesamten gesundheitlichen Versorgung fordern (BTHG).

Meine fachlichen Auseinandersetzungen, die auch bei "Kobinet" erschienen, sollen diesen Diskurs weiter anstoßen:

  1. Inklusion trifft Depression
  2. Da wird man ja irre!
  3. Da sausen einem die Ohren!
  4. Die sieben Phasen der Behinderungsverarbeitung

Buchveröffentlichung "Seroquälmärchen"

Ich habe mit meiner Buchveröffentlichung einen nicht ganz so leichtfüßigen Schwerpunkt symbolisch in Pastell gehüllt. Mit "Seroquäl" entschloss ich mich zur Veröffentlichung eines Psychiatriemärchens, welches ich in seiner Form und Thematik bewusst sehr schmal und sinnbildlich gehalten habe. Der Begriff "Seroquäl" ist dabei als Literarisierung eines Medikamentennamens zu verstehen. Manchmal kämpfen Menschen händeringend um Hilfe und bekommen keine, manchmal bekommen Menschen Hilfe und erleben diese gegen ihre Selbstbestimmung. Mein Text entstand, als ich Beobachterin dieser Kontraste wurde. Vielleicht können Kunst und Literatur etwas anstoßen, was fachliche Auseinandersetzungen manchmal nicht schaffen. Ich möchte mein modernes Märchen einerseits auf den Weg schicken, um auf mangelnde Teilhabemöglichkeiten von Menschen mit Behinderungen in therapeutischen Einrichtungen aufmerksam zu machen und andererseits für den heiklen Tanz zwischen Stabilisierungsmedikation und Selbstbestimmung zu sensibilisieren. Mein Märchenbuch ist nicht für Kinder geschrieben und nicht für Menschen in schweren depressiven Episoden geeignet, ich habe es aber trotz oder gerade wegen seines nicht leichten Kontextes mit all meinen Sinnen dem Leben gewidmet. Und ich möchte mich für die Menschen äußern, die es nicht oder nicht mehr können. Das Buch will nicht werten, es will lediglich Denkanstoß sein und ein Bewusstsein für Entscheidungen und die daraus resultierenden Flügelschläge schaffen.

Interview zum Psychiatriemärchen

Presseartikel zum Psychiatriemärchen

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