Meine Stadt mit Ohrenaugen



Barrierefreie Ausstellungskultur in Halle

Meine sehenden KursteilnehmerInnen fragten mich oft, was ich als Blinde in meiner Freizeit denn so triebe. Sie konnten sich nicht vorstellen, welche Hobbys ohne Augenlicht noch auslebbar seien. Ich erzählte dann begeistert von meinem Interesse an Literatur und Kultur, als Schaffende und als Schauende. Das sorgte nicht selten für noch mehr aufpoppende Fragezeichen über den Gesichtern meiner GesprächspartnerInnen: "Was will denn die Blinde in einer Ausstellung, im Museum, im Theater?" Gerade weil ein Sinn fehlt, ist es mir umso wichtiger, die anderen leidenschaftlich zu zelebrieren, genau deshalb möchte ich das Leben spüren, mit allem, was ich bin und was ich habe. Für mich wäre es eine konträre Reaktion, meine anderen Sinne und die Fragen an das Leben nur wegen meiner Blindheit unter der Bettdecke zu verstecken. Die aktive Teilnahme an der Gesellschaft und die Mitgestaltung von Kultur waren für mich auch immer eine Möglichkeit, im Dialog mit der sichtbaren Welt zu bleiben. Austausch, Vielfalt, Inspiration – all das erweitert den inneren Blick, egal ob blind oder sehend.

Dass es mich als Hallenserin oft nach Leipzig verschlägt, hat sich bereits herumgesprochen. Auch hier möchte ich gern Brücken bauen. Immerhin bin ich mit einem Leipziger verpartnert und wenn eine Beziehung zwischen einer Blinden und einem Sehenden gelingt dann doch wohl auch die zwischen Halle und Leipzig, oder? Meiner Partnerschaft habe ich auch die sinnesintensiven Einblicke in die Leipziger Subkultur zu verdanken.

Als Hallenserin ist es mir jedoch ein großes Anliegen, auch in meiner Heimatstadt Kultur zu erleben und erlebbar zu machen. Deshalb unterstütze ich Ausstellungskonzepte, die Begegnungen von Menschen aus verschiedenen Lebenswelten ermöglichen und wechselseitig Horizonte erweitern. Wünschenswert sind ausstellungsbegleitende Künstlergespräche und Kunstführungen sowie Vernissagen, in denen die Ausstellenden ihre Werke beschreiben, somit also einen Zugang durch "Wortmalereien" erschaffen. Eine Anregung wäre, diese beschreibenden Ausführungen festzuhalten und als Audioguide nachzunutzen. So könnten blinde und sehbehinderte BesucherInnen, aber auch sehende Interessierte, die akustischen Zusatzinformationen als Stimmungsbild auffangen und sich direkt mit dem Ansinnen der Kunstschaffenden auseinandersetzen.

Erstaunlicherweise zog es mich gerade als Blinde oft zu FotografInnen, besser gesagt, die FotografInnen zog es in den meisten Fällen zu mir. Mit einer Nichtsehenden über Bildhaftigkeit zu sprechen, macht ein Foto oft erst wahrlich zu dem was es ist. So beteiligte ich mich neben anderen blinden und sehbeeinträchtigten Modellen an der Ausstellung "Imaginationen" von Michaela Weber, welche in ihren Bildarbeiten die Frage zu beantworten versuchte, was Menschen unter Ausblendung der visuellen Wahrnehmung als schön empfinden. Außerdem bin ich Mitinitiatorin der inklusiven Wanderausstellung "Die Schönheit der Blinden", einer von Karsten Hein fotodokomentierten Modenschau, die erstmals im Kunstforum in Halle gezeigt wurde und es durch engagierte blinde Models, namenhafte Designer und langjährige Unterstützer sogar bis nach Paris schaffte. Jede Fotografin und jeder Fotograf trägt eine ganz eigene Handschrift und bereichert meine innere Galerie. Dies kann auch im Umkehrschluss funktionieren. So geschehen bei meiner Zusammenarbeit mit dem Halleschen Fotografen Peru John, der einen meiner erotischen Texte bebilderte. Und die Malerin Franziska Appel widmet sich gleich beiden Ansätzen: für die Blind-Galerie meiner Homepage www.Liebe-mit-Laufmaschen.de entwickelte sie assoziativ-erotische Bildbeschreibungen für nichtsehende Betrachter, ihre eigenen farbenfrohen Ausstellungen können dank Audioguide auch blind genossen werden.

Mit der Halleschen Künstlerin Elke Busching verbindet mich nicht nur eine inspirierende Fotofreundschaft, sie war es auch, die mir zu Einer Reihe eigens konzipierter Dunkellesungen während meiner Buchveröffentlichung "Verführung zu einem Blind Date". Am "Neuen Theater" Halle verhalf. Dies erlaubte einen auch kulturellen Austausch über andere Sichtweisen, über Behinderung als Denkanstoß. Generell bieten Lesungen, nicht nur im Dunkeln, für blinde und sehbehinderte Menschen zahlreiche Teilhabemöglichkeiten, ähnlich wie die gesamte Bandbreite der Konzertkultur. Und was haben wir in Halle schon gelesen und musiziert, etwa bei unserer musikalischen Lesung "Zigaretten danach", wenn ich auch zugebe, mittlerweile lieber vor, als auf der Bühne zu sitzen.

Bereits als die Inklusion und ich uns noch nicht kannten, durfte ich "Mit-Mach-Möglichkeiten" für blinde Menschen in Halle erproben und an der Umsetzung von Kulturangeboten mitarbeiten. So entstanden am Bergzoo Halle in Zusammenarbeit mit dem Berufsförderungswerk für Blinde und Sehbehinderte: Gehegebeschriftungen in Braille, ein Zooführer im Audioformat und spezielle Rundgänge für blinde und sehbehinderte BesucherInnen.

Für das Landesmuseum für Vorgeschichte durfte ich die Himmelsscheibe von Nebra ertasten, um sie dann mit einem Duplikat zu vergleichen. Neben diesem Duplikat wurden auch andere Exponate zum Ertasten originalgetreu nachgebildet, um blinden und sehbehinderten MuseumsbesucherInnen ein Verständnis von den sonst hinter Glas befindlichen Gegenständen zu vermitteln. Empfehlenswert sind in diesem Zusammenhang auch die blindenspezifischen Führungen am Stadtmuseum Halle.

Wenn bei der Ausgestaltung von Ausstellungen an die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen gedacht wird, bin ich natürlich begeistert und bewegt, denn leider ist dieses Erlebnis des selbstverständlichen Dabeiseins noch alles andere als üblich. Der Hallesche Journalist und Autor Detlef Färber fand in diesem Zusammenhang eine treffende Überschrift, für die ich ihm sehr dankbar bin. Deshalb, und auch weil wir uns zu den Radiorevolten in Halle trafen, bin ich so frei, und stelle den Artikel im Folgenden, nicht ohne rot zu werden, in Gänze ein:

Das Tor zur Welt muss leicht aufgehen

Beitrag vom 15. Oktober 2016

RADIO-REVOLTEN Die MZ besucht mit der erblindeten Buch-Autorin und TV-Moderatorin Jennifer Sonntag die Festivalschau "Das große Rauschen". Was sie am Rundfunk berauschend findet - und was nicht.

VON DETLEF FÄRBER

HALLE/MZ - Diese alten, braunen Holzkästen kennt Jennifer Sonntag noch. Ein halbes Dutzend davon steht im Ausstellungsraum herum - und besser noch: Aus ihnen heraus dudelt es sogar. Das Festival "Radio-Revolten" hat diese aufwendige Installation möglich gemacht - als Kulisse einer ebenso ambitionierten Klang-Installation mit "Halleschen Geräuschen".

Die Radios sind möbelstückgroße Radio-Apparate, teils sogar aus unserer Gegend. Ein "Staßfurt"-Gerät ist auch dabei. Jennifer Sonntag tastet die Kästen ab - und kann sich natürlich erinnern. Als Kind und Jugendliche hat sie solche noch selbst gesehen, ehe sie - bereits als Studentin - erblindet ist.

Doch seit dieser Zeit, klar, spielt für die hallesche Sozialpädagogin das Radio-Hören eine viel größere Rolle als je zuvor: Mit vielen Stunden vor kleineren, moderneren aber längst nicht mehr so schönen Radio-Apparaten, was Jennifer Sonntag ja nicht mehr stören muss. Diese besondere Rolle des Radios in ihrem Leben ist schon mal ein Grund, gerade sie als Expertin zu befragen - jetzt, wenn in Halle das weltweit ausstrahlende Festival "Radio-Revolten" gerade voll im Gange ist.

Freilich, es ist nicht der einzige Grund, denn Jennifer Sonntag kennt auch die andere Seite, die hinter den Mikros - etwa beim hiesigen Sender "Corax". Einem Radio, das sie übrigens auch als Hörerin sehr schätzt und für dessen Macher und Machart sie ein sehr einprägsames Kompliment parat hat: "Ich finde es schön, dieses Durchblutete, Echte, Authentische", sagt sie: "Und diese schöne Langsamkeit bei der Vorbereitung und bei den Sendungen."

Freilich, Komplimente dieser Art an die einen haben eine - hier aber nur mit anklingende - Kehrseite, die wohl andere Macher anderer Sender betrifft. Dass da nämlich vieles "einfach nur schablonenhaft" klinge. Und bei Wortbeiträgen sei neben der puren "Dampfplauderei" auch wenig zu hören, das auf echte Neugier schließen ließe: Neugier dem Gegenstand oder den Personen gegenüber, denen der jeweilige Beitrag gilt. Es werde vielmehr routiniert gesucht, womit die Betreffenden den Reporter-Erwartungen entsprechen könnten.

Jennifer Sonntag weiß da sehr genau, wovon sie redet. Einerseits als oftmals schon Interviewte. Andererseits als Interviewerin und Moderatorin - als Medien-Profi also in ihrer eigenen Reihe namens "Sonntagsfragen". Die ist nun schon seit acht Jahren Teil der Sendung "Selbstbestimmt", die vom MDR-Fernsehen in Leipzig produziert aber auch von anderen Sendern ausgestrahlt wird.

Doch neben ihrem Job als Sozialpädagogin im Berufsförderungswerk, neben ihrer Fernseh-Arbeit und anderen Aufträgen und Aufgaben, und nicht zuletzt neben einem für sie doch anstrengenden Alltag hat Jennifer Sonntag bereits eine Reihe von Büchern teils geschrieben, teils herausgegeben.

Erotik ist dabei ein wichtiges Thema. Doch die Titel "Hinter Aphrodites Augen" und "Verführung zu einem Blind Date" lassen schon ahnen, wo sie beim nächsten Projekt hin will. Stichwort Humor - auch als unerlässliche Hilfe bei täglichen Problemen. Der wieder mal feine, selbst-ironische Arbeitstitel "Im Augenschein" fürs nächste Buch ist da ein Vorgeschmack.

Überhaupt Humor und Leichtigkeit! Auch wenn's manchmal schwer fällt - sind sie Programm, auch für diese Autorin: für ihr Schreiben und ihre Medienarbeit. Und sollten es, meint sie, auch für andere sein. Fürs Radio etwa, das für Jennifer Sonntag auch ein Tor zur Welt ist. Dieses Tor muss leicht aufgehen. Nur wie? Humor, so weiß die TV-Frau, taugt als Türöffner.

Foto: Jennifer Sonntag für ein faires Bundesteilhabegesetz, Demo vom 15.9. 2016 in Halle

Foto: Jennifer Sonntag für ein faires Bundesteilhabegesetz, Demo vom 15.9. 2016 in Halle

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