Selbst- und Fremdwahrnehmung

Orientiert am Beratungsansatz des Peer Counselings (Menschen mit Behinderung beraten Menschen mit Behinderung) möchte ich erblindete Kursteilnehmer dabei unterstützen, ihre Außenwirkung realistischer zu reflektieren und ihr Handicap sozialkompetent zu kommunizieren. Unter diesem Link habe ich einige einleitende Informationen zu den Themen Image und Wahrnehmung abgelegt:

1. Themenblock

Image Was hat das mit Ihnen zu tun?

Ein Zitat zum Imagebegriff

"Unter Image versteht man in der Imageberatung eine vorgefasste und festumrissene Vorstellung, die jemand von einer Person, einer Gruppe oder einer Sache hat. Das Image ist ein Gesamtbild. Es setzt sich aus folgenden Faktoren zusammen: dem Erscheinungsbild, den Manieren und den körpersprachlichen Aussagen. Erst in zweiter Linie spielen die konkreten Aussagen einer Person eine Rolle. Auf der äußersten Ebene, dem Körper, beeinflussen Farbe, Form, Struktur und Proportion das Erscheinungsbild. Manieren, Körpersprache und das Erscheinungsbild sollten sich optimal ergänzen und das Wesen einer Person ausdrücken."

(Quelle: Pfister, A. (2010): Vom guten Aussehen. Der Weg, Schweizerischer Blinden- und Sehbehindertenverband 3/2010)

Das Selbstbild

Wollen wir ein bestimmtes Bild - ein Image - von uns vermitteln, müssen wir uns zunächst selbst sehr gut kennen lernen. Wir müssen uns des eigenen Selbst bewusst werden und erst dann können wir mit unserem Selbstbewusstsein nach außen strahlen. Dabei müssen wir uns immer wieder von neuem fragen, wer wir sind und was wir wollen, da sich mit unserer stetig wachsenden Erfahrung und mit sich verändernden Lebensumständen auch die eigenen Einstellungen ändern. Wir müssen uns neu bekennen, unsere Rolle finden. Sind wir uns selbst über uns nicht im Klaren, wirkt auch das Bild von uns unklar. Eine Sehbehinderung kann dazu beitragen, das Selbstbild verschwimmen zu lassen. Es wird vielleicht unscharf, verliert Farben und Kontraste. Aber wir brauchen unsere Konturen, um unser Persönlichkeitsprofil entwickeln zu können. Nun sind wir gefragt, das Bild unserer Identität neu zu malen und dabei können wir selbst entscheiden, wie wir die Pinselstriche setzen und welche Farben wir aus der großen Angebotspalette anmischen wollen. Das bedeutet auch, dass wir einen ganz eigenen Spiegel unserer selbst finden müssen, einen inneren Spiegel, in dem wir uns unabhängig von einer Sehbehinderung oder gar Erblindung scharf erkennen können. Unser "Ich" hängt schließlich nicht in Form einer reflektierenden Glasscheibe im Badezimmer, sondern lebt in uns.

Foto: Jennifer Sonntag mit Hut

Das Fremdbild

Wir fragen uns also, Wie wir uns sehen, wer wir sein wollen und was wir ausstrahlen möchten. Das tun wir jedoch nicht losgelöst von den Menschen, von denen wir uns gespiegelt fühlen. Suchen wir nach uns in uns oder nach uns in den anderen? Wie nehmen uns die anderen wahr? Wie wirken wir auf unsere Mitmenschen? Was denken sie über uns? Oft registrieren andere Personen an uns nur einen Bruchteil von dem, was wir im Inneren von uns halten. Das kann dann ein Vorteil sein, wenn es uns gelingt, Unsicherheiten gekonnt zu überspielen. Ein Mensch wirkt allerdings nur dann tatsächlich authentisch, wenn er mit sich im Reinen ist und das ausstrahlt, was er ist (siehe auch "Harmonische Abbilder").

Manchmal sind wir für unsere Mitmenschen ein offenes Buch und zeigen Schwächen, die unserer Außenwirkung eher schaden. Dann müssen wir ein wenig tricksen, da wir durch eine zu deutliche Offenbahrung unseres Inneren nicht unsere Souveränität verlieren wollen.

Wenn wir uns ganz klar vor Augen halten, und damit sind auch die inneren Augen gemeint, wer wir sein wollen und was davon auf andere ausstrahlen soll, gelingt es uns, mit unserem Image in unserem Sinne zu spielen. Man kann sagen, wir lernen, unsere guten Karten auszuspielen, unsere Vorteile zu nutzen. Das darf jedoch auf keinen Fall bedeuten, dass wir uns selbst betrügen und uns etwas vormachen. Dies kann schnell passieren, wenn wir zu viel über unsere Präsenz nachdenken, ohne vorher mit uns selbst im Einklang gewesen zu sein. Wie können wir erwarten, auf einen Fremden ehrlich und solide zu wirken, wenn wir uns selbst unseriös und sprunghaft finden? Eine Außenwirkung fängt also immer in unserem Inneren an.

Foto: Jennifer Sonntag mit Blume

Der erste Eindruck

Auch wenn wir von uns vollkommen überzeugt sind, muss das noch lange nicht bedeuten, dass es auch die anderen sind. Die Fremd- und die Selbstwahrnehmung können allein schon deshalb stark differieren, weil es Bereiche gibt, die uns sehr oder gar nicht bewusst sind und eben andere, die unseren Mitmenschen bewusst oder nicht bewusst sind. So ist uns, wenn wir von einer Sehbehinderung betroffen sind, sehr bewusst, dass wir schlecht sehen können und deshalb manchmal, im wahrsten Wortsinn, keinen "Durchblick" haben oder irgendwo "anecken". Wissen unsere Mitmenschen das nicht, entsteht eine falsche Auffassung unserer Person. Möglicherweise halten sie uns für unaufmerksam oder unterstellen Trunksucht, weil wir über Tische und Bänke stolpern. Dieses Image, dieses Fremdbild, wird uns nicht gerecht. Um einen solchen Imageschaden zu vermeiden müssen wir Wege finden, unsere Situation unmissverständlicher zu kommunizieren und unsere Mitmenschen müssen lernen, den ersten, manchmal falschen Eindruck, zu hinterfragen.

Wir müssen allerdings ehrlich zugeben, dass es uns selbst oft gar nicht möglich ist, jeden Eindruck zu hinterfragen, den wir von einem anderen haben. Unser Gehirn hat es so eingerichtet, dass wir eine Vielzahl von Informationen nur oberflächlich bewerten, da wir sonst vollkommen überfordert mit der Verarbeitung von Umwelteindrücken wären. Also be- oder verurteilen auch wir oft in Bruchteilen von Sekunden unser Gegenüber. Sind wir nun selbst blind oder sehbehindert, sehen wir unsere Mitmenschen und das was sie ausstrahlen, häufig durch "eine andere Brille". Vielleicht brauchen wir länger, um uns ein optisches Bild zu machen? Vielleicht hat unsere Seheinschränkung das Bild verfälscht? Vielleicht lassen wir uns leichter auf nicht optische Sinnesreize ein und nutzen andere Antennen? Möglicherweise bewerten wir die Stimme oder den Geruch eines Menschen, spüren, in welcher Verfassung er ist?

Das subjektive Urteilen

Da wir Menschen, wenn wir uns ein Bild von jemandem machen oder sich jemand ein Bild von uns macht, immer subjektiv und selektiv wahrnehmen, ist es schon fast ein Wunder, dass wir hin und wieder überhaupt Einigkeit in der Bewertung von Personen und deren Image erzielen können. Wenn wir über eine Person reden, dann reden wir in Wirklichkeit über unsere eigene Wahrnehmung dieser Person, nicht von der Wahrheit über diesen Menschen. Die Art unserer Bewertungen anderer verrät also auch viel über uns selbst, vielleicht manchmal mehr, als über den anderen. Leider ist die Beurteilung von Menschen durch Menschen nie objektiv und oft auch nicht gerecht. In dem Moment, in dem wir behaupten, vorurteilsfrei zu sein, hat unser Unterbewusstsein bereits sein Urteil gefällt. Dieses Eingangsurteil wird selten grundlegend korrigiert, manchmal aber modifiziert.

Die Bedeutung von Signalen

Wenn Kommunikation, also das Senden und Empfangen von Informationen, aber nun so missverständlich ist, warum betreiben wir sie dann? Warum machen wir uns dann überhaupt die Mühe darüber nachzudenken, wie wir auf andere wirken? Zum Glück hat es die Natur so eingerichtet, dass wir auf Signale reagieren, die von den meisten Menschen ähnlich interpretiert werden. Das sicherte uns das Überleben und ermöglichte uns Orientierung (siehe auch "Die Notwendigkeit gleicher Vorstellungen").

Was von einer Person oder Personengruppe zu halten ist, erkennen wir an der Art, wie sie sich gebärdet, was sie sagt, wie sie gekleidet ist. Während es früher eher darauf ankam, auf diese Weise Freund und Feind oder den gesellschaftlichen Status zu erkennen und Merkmale eindeutig zuzuordnen, geht es in modernen Gesellschaften zunehmend um den Ausdruck von Individualität. Natürlich kann man einen Polizisten auch heute noch an seiner Uniform erkennen und einen Blinden am Stock, aber nicht jede Geschäftsfrau zeigt sich im teueren Designerkostüm und nicht jeder Punk trägt einen Irokesenschnitt. Solange wir uns nicht verkleidet fühlen, können wir bewusst mit Signalwirkungen experimentieren, je nachdem, welche Absicht wir verfolgen. Wir können uns gestalten. Und ja, wir können unsere Mitmenschen damit bewusst täuschen und uns täuschen lassen.

Foto: Jennifer Sonntag mit roten Ohrhängern, Kappe und Lippen

Harmonische Abbilder als Fazit

Wie wir wissen, ist der optische Eindruck zunächst der dominanteste, wenn auch der oberflächlichste und trügerischste. Hier müssen wir sehr verantwortungsbewusst mit uns umgehen. Wir fühlen uns nicht wirklich wohl in unserer Haut, wenn wir unser Wesen nicht auf unser äußeres Erscheinungsbild abstimmen können, wenn wir uns so zeigen, wie wir nicht sind. Diese Disharmonie spüren auch unsere Mitmenschen. Hoch- oder Tiefstapler sind leicht zu erkennen und können sehr zerrissen wirken. Ein Mensch hingegen, der seine Mitte gefunden hat, ist sich selbst und anderen eine echte Wohltat. Deshalb sollten wir auf der Suche nach unserem Image ehrlich uns gegenüber sein, unsere Schwächen akzeptieren und unsere Vorzüge "polieren". Es dauert eben leider länger, einen glanzlosen Diamanten zu erkennen. Warum machen wir es unseren Kommunikationspartnern also in der Bewertung unserer Person nicht ein wenig leichter, in dem wir unsere Potentiale funkeln lassen? Vielleicht hilft uns eine Imageberatung dabei, uns innerlich wie äußerlich authentisch, typgerecht und stilvoll zu fühlen? Ja, zu fühlen, denn ein Image ist Gefühlssache und funktioniert nur deshalb, weil wir mit Abbildern von Personen, Situationen oder Orten Emotionen verknüpfen.

2. Themenblock

Wie wahr ist Ihre Wahrnehmung?

Wenn wir beurteilen wollen, ob etwas wirklich wahr ist, müssen wir uns zunächst fragen, was unsere ganz persönliche "Wirk"-lichkeit und "Wahr"-nehmung ausmacht. Realistisch sind beide "wahrlich" nicht "wirklich", denn wir rezipieren subjektiv und unsere Umwelt objektiv bewerten können wir nicht, solange wir Menschen sind. Jeder von uns ist geprägt von eigenen Erfahrungen und Erkenntnissen, von eigenen Gefühlen, hat eigene Beweggründe, erlebt seine Welt eigen und verhält sich seinen Eigenheiten entsprechend. Wir sind Individuen und sehen alles, worauf wir treffen, aus unserem Blickwinkel.

Wahrnehmung und sozialer Umgang

Nun liegt es an uns, unseren Blickwinkel nicht zu ernst zu nehmen, uns in andere Menschen einzufühlen, über den Tellerrand zu blicken. Schließlich sind wir soziale Wesen und auf den Umgang miteinander angewiesen. Da sozialer Umgang nicht bedeutet, einander sozial zu umgehen, müssen wir die Dinge, die wir bewerten, manchmal aus der Perspektive des anderen betrachten. Nur so können wir sein Verhalten und Erleben verstehen. Oft kommen wir auch auf keinen "grünen Nenner", weil wir nicht bereit sind, uns auf die Wahrnehmungswelt des anderen einzulassen.

Wir müssen im Umgang miteinander immer wieder erkennen, dass keiner von uns mit seiner Sichtweise das Maß aller Dinge sein wird. Das Leben ist so vielfältig, wie die Perspektiven aus denen man es betrachtet und dabei bedingen die unterschiedlichen Wahrnehmungen die Definition von Wirklichkeit. Zum Glück hat jeder von uns einen eigenen Kopf und Gedanken sind bekanntlich frei. Auch wenn es hin und wieder schmerzlich ist, nicht jedem Zeitgenossen die vermeintliche "Wahrheit" plausibel machen zu können, sollten wir doch akzeptieren, dass diese eben nur unsere Wahrheit ist.

Die Notwendigkeit gleicher Vorstellungen

Selbstverständlich gibt es Dinge, über die wir uns im Großen und Ganzen einig sind. Menschen sind darauf angewiesen, in Gruppen zusammen zu leben und haben von bestimmten Gesetzmäßigkeiten, die das Überleben sichern, ähnliche Vorstellungen. Es ist uns also ein menschliches Bedürfnis, Normen und Werte als Orientierungshilfe zu nutzen. Und mit bestimmten Signalen, Symbolen oder Gegenständen verknüpfen wir alle das Gleiche. Egal ob Schaufensterpuppe, Grünpflanze oder Kellerfenster, wir wissen, was wir davon zu halten haben, oder? Ist das "wirklich" so?

Foto: Jennifer Sonntag - rote Ohrhängern und Lippen

Die Tücken unterschiedlicher Auffassungen

Bemühen wir die oben genannten Beispiele: Für einen sehbehinderten Menschen kann eine Schaufensterpuppe durchaus zu etwas ganz anderem werden, als für einen normalsichtigen. So berichtete eine betroffene Dame davon, in einer Boutique einen angeregten Monolog mit einer Schaufensterpuppe begonnen zu haben, da sie sie für eine Verkäuferin hielt. Für die Ratsuchende wirkte die Puppe also echt und sie wählte ein ihrer Wirklichkeit angemessenes Verhalten der Puppe gegenüber, die ja für sie keine war. Auf die Verkäuferin wiederum wirkte die Dame vorerst wie eine "arme Irre". Auch ihre Wirklichkeit entsprach nicht der Realität.

In der Wirklichkeit eines sehbehinderten Bewerbers wirkte die am Boden stehende, sich hoch in den Raum erstreckende Grünpflanze in einem Bürokomplex, wie ein Kleiderständer. Er war bereits im Begriff, seinen Mantel in der Pflanze zu platzieren, als die Realität ihn einholte.

Und was das Kellerfenster betrifft Eine Gruppe Blinder wurde beim Verlassen einer Kneipe gebeten, doch diesmal die Tür zu benutzen. Die kleine Gesellschaft hatte beim Betreten des Kellerlokals den Einstieg durch ein Fenster gewählt und sich über die tiefe Stufe gewundert. Es war ein großzügiges Kellerfenster, was auf die Blinden wie eine zugegeben seltsame, wohl aber wie eine Tür wirkte. Realität verkannt!

Diese Beispiele zeigen, dass wir die Begriffe Wirklichkeit und Realität hier streng voneinander trennen sollten. Wenn etwas in Wirklichkeit geschehen ist, dann hat es auf jemanden ge"wirkt". Und somit entspricht es dessen Wirklichkeit. Denn nur in der Wirklichkeit der Frau war die Puppe lebendig, in der Wirklichkeit des Mannes die Grünpflanze ein Kleiderständer und für die blinde Partygesellschaft war das Kellerfenster in Wirklichkeit der Eingang. In der Realität leben Puppen nicht, sind Grünpflanzen keine Kleiderständer und Fenster keine Türen. Und in der Realität sind Sehbehinderte natürlich nicht von Sinnen!

Sehbehinderung und Wirklichkeit

Wer seine Sehbehinderung kennt, weiß sicher ähnliche Geschichten zu erzählen und kann, wenn der Schreck oder die peinliche Situation vorüber sind, über so manches Trugbild lachen. Wer an einem Tunnelblick leidet, kann in seine Wirklichkeit eben nur die Personen integrieren, die sich in seinem Fokus bewegen. Alle anderen hat er "wirklich" nicht gesehen, auch wenn sie zum Greifen nahe waren. Selbst wenn diese Mitmenschen in der Realität nicht "wirklich" fehlen, im Bewusstsein des Betroffenen waren sie nicht da. Und natürlich laufen die Leute nicht ohne Gesichter auf der Straße herum, auch wenn sie für eine Person mit zentralem Gesichtsfeldverlust keine Gesichter mehr haben. Diese Empfindung ist ganz wahrhaftig. Ein erblindeter Mensch fühlt sich vielleicht "wirklich" unsichtbar, weil er sich im Spiegel nicht mehr erkennen kann, auch wenn ihm reell bewusst ist, dass er sich nicht in Luft aufgelöst haben wird.

Unsere Wirklichkeit "wirkt" direkt auf unsere Gefühlswelt, im positiven wie im negativen Sinne. Gerade durch eine Sehbehinderung oder Erblindung erleben wir einen Sinneswandel, eine Verschiebung in unserer Wahrnehmung. Aber wir müssen das nicht als puren Verlust empfinden. Für unsere Wirklichkeit ist das sogar ein Gewinn, denn da wo blinde Flecken entstehen, ist auch immer Raum für Erkenntnis. Unserer Wahrnehmung öffnen sich Türen, die früher verschlossen blieben. Wir entwickeln feinere Antennen, erlangen vielleicht sogar tiefere Eindrücke als zuvor, weil wir gewohnte Denkräume verlassen müssen. Das ist eine große Chance, wenn wir zu dem vordringen wollen, was uns wirklich ausmacht. Wir lernen, in uns hinein zu spüren und auf uns zu hören. Uns wird in dieser Auseinandersetzung sehr bewusst, dass wir Menschen uns und der Welt nicht allein als optische Phänomene begegnen.

Foto: Jennifer Sonntag in sehr schmalen, hohen Gesichtsfeld

Sinneswandel schafft Erkenntnis

Die meisten von uns hoffen eher, sich nicht im Kleiderschrank zu vergreifen, als im Tonfall. Oft überlegen wir hin und her, welcher Rock zu welcher Bluse, welches Hemd zu welcher Hose passt, wägen ab, verwerfen. Fragen wir uns aber jeden Morgen, wie wir heute mit unseren Mitmenschen umgehen wollen, wie wir für sie klingen wollen, wie wir uns auf sie auswirken? Fragen wir uns, wie unser Inneres dem "Draußen" heute begegnen will? Fragen wir uns, was wir eigentlich mit unserem Wesen zum Ausdruck bringen wollen, was unser Denken und Handeln lenkt? Nein, diese Aspekte machen wir uns leider selten bewusst, obwohl sie für uns und unser Miteinander mindestens genau so entscheidend sind, wie unsere "Sichtbarkeit".

Wenn wir die Augen schließen, können wir uns oft besser darüber bewusst werden, wo wir "innerlich" stehen. Alles in unserem Leben hängt davon ab, wie wir uns und unsere Umwelt wahrnehmen, wie wir die Dinge bewerten, welche Einstellung wir dazu haben. Ein Perspektivwechsel kann uns dabei helfen, unsere Positionen zu festigen oder zu überdenken, uns überhaupt bewusst zu machen, warum wir uns nach bestimmten Mustern verhalten und wie wir sie durchbrechen können, wenn sie uns schaden. Die Augen zu verschließen meint hier also nicht, sich zu "verschließen", sondern sich für konstruktive Gedanken zu öffnen.

Wir müssen uns somit auch immer wieder fragen, was für uns und andere "wahr" und "wirklich" ist, uns intensiv mit Menschenbildern und mit dem eigenen Bewusstsein für verbale und nonverbale Botschaften in der Kommunikation auseinandersetzen:

Was macht das Charisma eines Menschen aus, wenn wir ihn sehen und was, wenn wir ihn nicht sehen? Ist Charisma überhaupt sichtbar? Womit überzeugt man einen blinden Menschen, wenn er das Äußere seines Gegenübers nicht wahrnimmt? Mit der Stimme, mit der Redegewandtheit, mit dem Körpergeruch, mit dem Händedruck, mit dem Stoff des Jackettärmels, mit dem Geräusch der Schuhsohlen beim Gehen, mit Herzenswärme, mit Einstellungen und Verhaltensweisen, mit einem vorgefertigten Bild, mit allem zusammen, mit nichts davon? Willkommen beim "Szenenwechsel im Sinneswandel"

Foto: Jennifer Sonntag mit auffallender Lichtquelle