Schminkschule



Nein, auch blinde Frauen werden sich das "Schminken" nicht abschminken. Nach dem ich immer wieder darum gebeten wurde, einmal aus Sicht einer Betroffenen einen Schminkkurs zu gestalten, habe ich begonnen, meinen für das BFW Halle konzipierten Imagekurs schwerpunktmäßig zu erweitern. Ich schätze das Engagement von Rene Koch, seines Zeichens prominenter Starvisagist mit Sitz in Berlin und sehr ernst zu nehmen in der Entwicklung von Schminktechniken für blinde Frauen. Auch die Arbeit von Ina Oertel, eine bundesweit gebuchte Imageberaterin mit spezieller Qualifikation für die Belange blinder und sehbehinderter Menschen, ist bemerkenswert. Nun kann ich das Herangehen meiner sehenden Kollegen behinderungsbedingt nicht imitieren und möchte eigene blinde Kompetenzen einbringen, die meinen nicht sehenden Interessentinnen einen besonderen Zugang zum Thema ermöglichen. Die Absicht ist die gleiche: wir wollen blinde Frauen in ihrem Wunsch bestärken "Gesicht zu zeigen" und lebenspraktische Beautytricks vermitteln, die das innere Spiegelbild zum Leuchten bringen. Häufig fühlen sich die Frauen entmutigt, da rein visuell ausgerichtete Schminktipps im Alltag für sie nicht funktionieren und immer wieder Korrekturen durch Sehende erfordern. Sie verlieren den Spaß an der Sache, weil die Messlatte zu hoch gesetzt ist oder sie verweigern sich zum Trotz, weil sie dem Vergleich mit den so genannten "Vorzeigeblindinen " nicht standhalten können, die es scheinbar schaffen, den Sehenden in nichts nachzustehen. Das ist schade, soll doch die eigene Weiblichkeit auch blind geliebt und gelebt werden. Damit das gelingt, möchte ich Erfahrungen ausschließen, die kurz- oder langfristig zu Frust führen. Deshalb werde ich kleine Schritte gehen, die auch mir als erblindete Frau geholfen haben.

Bei meinen Sendungen und Fotoshootings bin ich immer perfekt geschminkt, aber das verdanke ich den Profis. Ich selbst gebe zu, nur wenige Schminktechniken zu beherrschen und nur bestimmte Akzente zu setzen, die meine Persönlichkeit unterstreichen. Gehen wir also in sinnlichen Schritten und mit viel Fingerspitzengefühl auf die Suche nach dem Duft unseres Teints, dem Klang unseres Wimpernschlags und dem Geschmack unseres Lippenrots.

Foto: Jennifer Sonntag, geschminkt

Das 5-Schritte-Modell:

1. Schminkanamnese
2. Gesichtsanalyse
3. Stilkontext
4. Kosmetikprotokoll
5. Schminkschule

Den Besuchern meiner Homepage möchte ich hier einige einführende Einblicke in die ersten beiden Themenblöcke meines 5-Schritte-Modells ermöglichen:

1. Schritt Schminkanamnese

Bevor wir beginnen, uns über Schminktechniken und Details in unserem Gesicht intensivere Gedanken zu machen, sollten wir uns den eigenen Schmink-Werdegang vor Augen führen. Frauen, die sich bereits vor ihrer Erblindung täglich schminkten, beherrschen bestimmte Techniken aus dem Handgelenk heraus. Wer erst nach dem Eintreten der Erblindung beginnt, sich mit den "Tanzschritten" des Schminkens zu befassen, wird zunächst weniger schwungvoll agieren können, weil er, wie beim Tanzen lernen, noch viel zu sehr über seine Ausführungen nachdenken muss. Deshalb ist es sicher ein Vorteil, schon trainierte Vorkenntnisse aus dem Leben als Sehende mitzubringen, auch wenn sich nicht jeder Handgriff in die Blindheit übertragen lassen wird und mancher davon besser völlig neu und der Blindheit angemessen erlernt werden sollte.

Wer sich als Sehende nicht schminkte, oder aufgrund einer fortschreitenden Sehbehinderung wegen der mangelnden visuellen Kontrolle schon immer zu unsicher war, lernt vielleicht gerade durch die Erblindung einen neuen Zugang zur eigenen Ästhetik kennen und fasst Mut, sich anderen Facetten zu widmen. Jede Dame bringt eine persönliche Vorgeschichte mit. Die eine pflegte es vielleicht schon immer ihre Lippen zu schminken, ist darin also noch geübt, war aber Brillenträgerin und traute sich nie an die Augen. Die andere mühte sich bis es nicht mehr ging mit dem Eyeliner vor dem Vergrößerungsspiegel ab und vertraut sich mittlerweile blind. Es gibt erblindete Frauen, denen es hilft, sich beim Schminken vor den Spiegel zu stellen, obwohl sie sich darin gar nicht mehr sehen. Die Imagination hilft ihnen. Stehen sie an einer anderen Stelle, misslingt das Make-up. Andere irritiert die Bindung an optische Verknüpfungen und sie schalten sie bewusst aus, löschen sogar das Restlicht im Raum, so dass ein eventueller Sehrest nicht den Tastsinn irritiert.

Geburtsblinde Frauen wiederum werden in eine Welt voller Kontraste, Verläufe und Nuancen eintauchen, die sich von der inneren Farbpalette, die sie sich blind angemischt haben, unterscheiden werden. Eine Idee von dem zu entwickeln, was Sehende als "dekorative Kosmetik" beschreiben, ist eine besondere Herausforderung. Die interessierte Dame muss sich eine Vorstellung davon erarbeiten, was Sehende in ihr sehen, wenn sie bestimmte Akzente setzt oder darauf verzichtet.

Sehende sollten sich eingeladen fühlen, sich auf die Wahrnehmungswelt blinder Menschen einzulassen. Dies ist natürlich wichtig, wenn es um die Vermittlung von Schminktechniken geht. Wird zu optisch gedacht, hat man sich auf beiden Seiten oft viel Mühe vergebens gemacht. Optisch vorgehen kann die blinde Frau ja eben nicht, denn sie bewegt sich in eigenen, klugen Verhaltensmustern, die für ihre Alltagsbewältigung sinnvoll sind. Der sehende Trainer sollte alle Arbeitsschritte selbst immer wieder bei vollkommener Dunkelheit erproben, um adäquate Hilfestellungen geben zu können. So kann sich ein gemeinsames Herangehen entwickeln. Auch die bewährtesten Techniken aus der Kosmetikfibel nützen nichts, wenn sie sehend konzipiert, aber blind nicht anwendbar sind. Simulationsbrillen können helfen, sich ein Bild vom jeweiligen Erblindungsstadium der zu beratenden Person zu machen und einen eventuell nutzbaren Sehrest zu erkennen. Grundsätzlich sollten die Augen, so erfreulich ein Sehrest ist, jedoch nicht überlastet werden.

Spannend und hilfreich beim Schmink-Vorgespräch ist auch das Suchen nach eigenen Schmink-Assoziationen. Jede Frau wird, auf der Suche nach dem inneren Spiegelbild, bestimmte Wünsche oder Wissenslücken haben, eine bestimmte Ausstrahlung für sich ausschließen oder anstrebenswert finden. Es ist sehr bereichernd, sowohl blind, als auch aus der sichtbaren Vergangenheit oder Gegenwart heraus, die Außenwirkung prominenter Frauenbilder zu reflektieren, um die verschiedenen Stile zu erkennen und sich zu positionieren.

Fragen wir uns also einmal, wer unser Schminkverhalten maßgeblich beeinflusste oder wessen Charisma uns im Bezug auf Schminktechniken bedeutend erscheint.

Angeleitete Anwendung:

Punktschriftkärtchen mit Namen prägnanter weiblicher Persönlichkeiten aus Film und Fernsehen werden in die Runde gereicht, um ihnen spezielle Attribute (Stimmpersönlichkeit, Duftaura, Textilmerkmale usw.) zuzuordnen. Charakteristische sinnliche Materialien können zum Erkunden zur Verfügung gestellt werden, da Fotos nicht einsetzbar sind. Über den Gesamteindruck eines Stils soll dann eine Vorstellung zum dazu passenden Make-up erarbeitet werden. Eine Variante wäre auch, falsche Schminkvorgaben zu einem Stil vorzuschlagen und das besser passende Gesicht dazu beschreiben zu lassen.

2. Schritt Gesichtsanalyse

Unser Konterfeit ist unsere Visitenkarte. Ein Bewerbungsfoto zeigt schließlich aus gutem Grund nicht unseren schönen Rücken, der auch entzücken kann. Und was nützt ein perfekt auf unseren Figurtyp zugeschnittener Kleidungsstil mit den optimal abgestimmten Farben, wenn wir nicht in der Lage sind, gekonnt "Gesicht zu zeigen"? Dabei gilt es auch beim Gesicht und all seinen Details, ähnlich wie bei den unterschiedlichen Figurtypen, in verschiedene Formen zu unterscheiden. Wir sollten uns bewusst machen, was unser Antlitz zum Strahlen bringt. Oft helfen winzige Tricks und Kniffe dabei, harmonischer, offener oder gesünder zu wirken. Unser Teint und unsere Haar- und Augenfarbe beeinflussen die Wirkung unseres Gesichtes ebenso, wie der durch die Frisur oder diverse Accessoires gegebene Rahmen. So gibt es zu jedem Gesicht den passenden Haarschnitt, die passende Brillenform, den passenden Hut, das passende Halstuch, die passende Kette, den passenden Ohrschmuck und eben das passende Make-up. Und natürlich dürfen wir nicht außer Acht lassen, dass wir unser Gesicht mit unserer ganz persönlichen Mimik gestalten und diese auch gezielt einsetzen können. Ein freundliches Lächeln lohnt sich manchmal mehr, als der verführerischste Lippenstift.

Gesichter können rund, oval, rechteckig, herzförmig, rhombenförmig oder birnenförmig beschrieben werden. Unvorteilhafte Proportionen können durch die richtigen Handgriffe kaschiert werden. Ein harmonisches Bild ist anstrebenswert. Eckige Partien sollten nicht noch kantiger zur Wirkung gebracht werden, Schmales sollte nicht noch schmaler erscheinen, Kleines nicht noch kleiner. Durch die Betonung des Unterbetonten lässt sich gegensteuern. Schauen wir uns einige Gesichtsformen näher an:

Bei runden Gesichtern sind Wangen und Stirn etwa gleich breit. Wie das gesamte Gesicht wirkt auch das Kinn rund und weich, nicht markant und kantig. Üppige, voluminöse Frisuren, welche die runden Partien am Kopf zusätzlich betonen, können unvorteilhaft wirken. Tragen Frauen darüber hinaus runden, gedrungenen Ohrschmuck, sehr bogige Augenbrauen oder kreisrund geschminkte Wangen, unterstützt dies außerdem die runde Form. Länglicher oder eckiger Schmuck und asymmetrische Frisuren, kombiniert mit konturierenden Schminktechniken, können helfen, ein zu rundes Gesicht nach Wunsch optisch erschlanken zu lassen.

Das eckige Gesicht kommt vergleichsweise häufig vor. Hier sind Stirn, Wangen und Kinn gleichmäßig breit und ausgeprägt. Je nach Schlankheitsgrad variiert dieser Gesichtstyp zwischen rechteckig und quadratisch. Frauengesichter des schmalen eckigen Typs zaubern mehr Fülle und Weiche, wenn sie seitlich von lockigen voluminösen Frisuren umrahmt werden. Bei der quadratischen Gesichtsform ist eher das Gegenteil der Fall. Wie beim runden Gesicht würde hier die große Gesichtsfläche noch stärker betont. Generell gilt immer, eine besonders hervortretende Eigenschaft mit einer gegenteiligen auszugleichen, um für ein harmonisches Bild zu sorgen, es sei denn, ein bestimmtes Merkmal soll in seiner Besonderheit eben ganz bewusst betont werden. Ein eckiges Brillengestell in einem eckigen Gesicht betont diese Eigenschaft zusätzlich. Schmuck mit scharfen Konturen kann ein ohnehin strenges Gesicht noch härter wirken lassen. Ist dies unerwünscht, können runde Accessoires einen Ausgleich schaffen.

Ovale Gesichter sind meist lang und schmal und haben im Optimalfall ausgeglichene Proportionen. Dabei sind Kinn und Stirn verjüngt und die Wangenknochen etwas ausgeprägter. Zu diesem Gesichtstyp passen viele Frisuren. Im Vergleich zum eckigen Gesicht wirken die Außenlinien geschmeidiger. Eine zu hohe Stirn kann hier mit einem Pony ausgeglichen werden. Ein langer Hals kann ein gestrecktes schmales Gesicht unvorteilhaft betonen. Hier können halsnahe Krägen und Ketten oder Halstücher für eine gekonnte Unterbrechung sorgen. Lang gezogene schmale V-Ausschnitte ohne Unterbrechung sind eher nicht zu empfehlen. Accessoires wie lange Perlenketten können dafür sorgen, dass ein langes schmales Gesicht in seinen Eigenschaften überpräsentiert wird. Ist der Hals eher kurz, können Schalkrägen oder spitzere V-Ausschnitte wiederum vorteilhaft strecken. Es wird deutlich, dass die Wirkung des Gesichtes eng mit der Wahl der Ausschnittgestaltung des Oberteils verknüpft ist. Deshalb werden bei einer professionellen Imageberatung auch verschiedenste Kragenformen ausprobiert.

Das herzförmige Gesicht lässt sich mit einem Dreieck vergleichen, steht im Gegensatz zum birnenförmigen auf der Spitze. Der Stirnbereich und die Augenpartie sind eher breit, zur Kinn hin wird das Gesicht schmal. Wenn insbesondere Frauen die schmale Kinnparty ausgleichen wollen, gelingt das gut mit Frisuren, die das Kinn voluminös umspielen und an den Stirnseiten sehr schmal gehalten sind. Einen Ausgleich können auch große Ohrringe schaffen, die dem Kinn mehr Aufmerksamkeit schenken. Auch der Mund kann besonders betont werden. Mit hellen Farben und glänzenden Akzenten wird er besonders in den Vordergrund gehoben und erscheint somit größer. Breite Stellen sollten verschmälert, schmale verbreitert werden. Ein zurückgenommeneres Brillengestell kann eine dominante Augenpartie eher in den Hintergrund rücken.

Selbst wenn in der Imageberatung stets ein ausgewogenes Erscheinungsbild angestrebt wird, da das Auge dies als besonders angenehm empfindet, soll es nicht prinzipiell darum gehen, all unsere Ecken und Kanten auszubügeln. Vielleicht ist es einer bestimmten Frau ja besonders wichtig, ihr rundliches Gesicht eben weich wirken zu lassen, eine andere möchte ihr markantes Gesicht vielleicht ganz bewusst besonders streng inszenieren und wieder eine andere ihre hohe Denkerstirn besonders betonen. Prägen sich nicht letztlich die Ecken und Kanten eines Gesichtes besser ein, als die Harmonien, machen sie nicht dessen Charakter aus und Persönlichkeit überhaupt erst möglich? Wichtig ist eben nur, dass wir um unsere Trickkistchen wissen, wenn wir das Bedürfnis haben, doch einmal hinein zu greifen. Schließlich ist auch hier jedem selbst überlassen, was er an sich betont oder kaschiert wissen möchte. Und wer sich aus beruflichen Gründen einer vorgegebenen Kleiderordnung anpassen muss, wird dieser den Vorzug geben und nicht die Möglichkeit haben, auf seine Gesichtsform einzugehen. So wird die Serviererin vielleicht ein unvorteilhaftes Halstuch und die Krankenschwester eine unpassende Haube tragen müssen, ohne Rücksicht auf den geeigneten Gesichtstyp. In diesem Fall sollten wir uns bewusst machen, dass ein Gesicht viel mehr ist, als die bloße Form. Wer sich seiner sicher ist, wird auch ohne gelegentliche Maskerade "Gesicht wahren" können. Wir alle kennen das Problem mit den "schönen Schüsseln", aus denen man nicht essen kann. Warum also nicht auch mal die Augen schließen, um das "wahre Gesicht" eines Menschen zu erkennen? Diejenigen unter uns, die nicht sehen können, setzen das Gesicht eines Menschen oft aus dem Klang einer Stimme zusammen, aus den gesprochenen Worten, aus Taten, die letztlich das Wesen einer Person ausmachen. Manchmal ist ein Gesicht auch nur ein Duft, eine Berührung, ein Geräusch, es ist das, was uns von einem Menschen am direktesten anblickt.

Angeleitete Anwendung:

Mit zurückgekämmten Haaren wird die eigene Gesichtsform erkundet und beschrieben. Die erfühlten Merkmale werden dem Gesichtstyp zugeordnet, der am naheliegendsten erscheint. Mischformen sind möglich. Je nach Offenheit der Gruppe, können zum Vergleich die anderen Gesichter ertastet werden, um gemeinsam abzuwägen. Auch Gesichtsdetails und deren Wirkung können thematisiert werden, z. B. die verschiedenen Formen von Augenbrauen, Nasen, Lippen usw. Manchen blinden Menschen helfen auch kleine Tastmodelle mit abstrakteren Formen beim Erfassen der Unterschiede, da die Fingerspitzen die gesamte Gesichtsfläche nicht auf einmal überschauen und somit der Überblick über die Proportionen fehlt.