Alles außer Töpfern

Es war einer dieser Momente, in denen ich nicht wusste, wo mir der Kopf stand. Du wirst dieses Gefühl kennen, lieber Leser. Manchmal könnte ein Tag 240 Stunden haben und trotzdem reichen sie nicht aus, um alles zu bewältigen, was sich an Anforderungen vor einem auftürmt. Ich hatte gerade einen sechsstündigen Workshop für eine vierzigköpfige Studentengruppe gestaltet, die französischen, italienischen, spanischen und finnischen Teilnehmer in erheiterndem "Denglisch" in die Grundlagen der Blinden- und Sehbehindertenpädagogik eingeführt, eine statistische Erhebung für die Chefetage ausgewertet, eine Konzeption für eine neue Veranstaltungsreihe entwickelt, die Monatsabrechnung unserer Eintrittsgelder hinter mich gebracht und telefonisch und virtuell unzählige Termine koordiniert, als ich gehetzt in ein Taxi stieg, um dort hinzugelangen, wo noch einige Anhäufungen außerdienstlicher Anliegen auf mich warteten. Mit Zeitdruck im Nacken hatte ich noch einen Konzertbericht für ein Szenemagazin zu verfassen, die Materialien für eine Kunstausstellung auszuwählen, einige Telefonate wegen eines Fototermins zu führen, bei dem ich für einen Kommunikationsdesigner modeln durfte, um mich anschließend überbrückend mit ein paar Freunden zum Tee zu treffen, da ich abschließend noch eine von mir initiierte Arbeitsgruppe mit dem viel versprechenden Namen "Über-Sehen" besuchen wollte. Mit anderen Worten: Ich wusste nicht, wie ich das alles schaffen sollte, und rang nach Luft zum Atmen. Ich sehnte mich nach ein paar Minuten Entspannung, um etwas Kraft zu schöpfen, als mich der Fahrer des Taxis etwas fragte. Er machte es sich nicht leicht, das hatte ich gespürt. Nicht nur ein Ansatz, sondern mehrere waren nötig, bis er endlich aussprach, was er dachte. Schließlich wollte er mir nicht zu nahe treten und mich in meiner Lage als blinde Person nicht verletzen. Bemitleidend und zögerlich begann er zu formulieren: "Und was machen Sie da so den ganzen Tag als Blinde? Weil Sie ja nichts mehr unternehmen können, haben Sie sicher die ganze Zeit lange Weile und nichts zu tun. Ich würde ja verrückt werden, wenn ich immer nur auf dem Balkon sitzen würde, um den Vögeln beim Zwitschern zuzuhören! Wie halten Sie das aus?" Ich sagte ihm leicht amüsiert, dass ich froh wäre, wenn ich die Zeit hätte, mich in die Sonne zu setzen, um den Vögeln zu lauschen. Ich erklärte ihm, dass ich bis zum Stehkragen in Arbeit stecke und dass ich mich gern mal wieder so richtig langweilen würde. Seine zweifelnde Reaktion veranlasste mich dazu, ihm zu erzählen, was du, lieber Leser, bereits weißt. Ich berichtete ihm von meiner Tagesgestaltung, von allem was ich hinter mir hatte und von dem, was noch vor mir lag. Das musste meinen Gesprächspartner endgültig befremdet haben, denn seine Ungläubigkeit ließ ihn nahezu verstummen. Sein misstrauisches "Aha" vermittelte mir das Gefühl, als glaube er, ich habe mir all das nur ausgedacht. Natürlich ist es für einen Augennutzer unter Umständen schwer nachvollziehbar, wie ein nicht sehender Mensch seinen Berufsalltag bzw. sein Privatleben abwechslungsreich und selbstbestimmt gestalten kann. Fragen und Zweifel sind deshalb berechtigt, und ich möchte sie in diesem Abschnitt gern bearbeiten bzw. ausräumen. Was meinen Berufsalltag betrifft, waren wir uns ja bereits im vorhergehenden Kapitel begegnet, geschätzter Leser. Hier sollen sich nun endlich die Hobbys entfalten können. Was treibt man also nun ohne Augenlicht in seiner Freizeit? Für jeden Sehenden bricht, bei dem Gedanken daran, sich vollkommen lichtlos mit etwas zu beschäftigen, eine Welt zusammen.

In meinen Seminargruppen, vor allem bei Schülern jeder Altersstufe, versuche ich zunächst ein gegenständliches Bewusstsein für diese Problematik zu erarbeiten. Dies funktioniert wie immer am besten mit dem Prinzip der Selbsterfahrung. Ich lösche das Licht im Raum und bitte jeden Teilnehmer, sich einmal auf den eigenen Freizeitbereich zu besinnen, sich vorzustellen, was die eigenen Hobbys ausmacht. Manchmal wirkt dieser Versuch sehr brutal, denn die Befragten erschrecken häufig, wenn ihnen klar wird, dass sie an all den genannten Dingen nur dann Spaß haben können, wenn sie dabei die Augen benutzen. Schüler schwärmen oft vom Computer-Spielen, von DVD-Abenden, vom Fußball, Rad- oder Skateboardfahren, Shoppen, Tanzen, Flirten, Fotografieren, Zeichnen, von Konzert- oder Kinobesuchen. Bei den älteren Generationen wird häufig das Autofahren angebracht, das Stöbern im Bücherregal, das Reisen, das Schneidern, das Tennisspielen, das Besuchen von Ausstellungen und Museen, von Kabaretts oder Musicals. Es besteht kein Zweifel darin, dass sich Hobbys zwangsläufig verändern müssen, wenn jemand nicht mehr in der Lage ist, seine Augen zu benutzen. Wie alles im Leben eines Blinden unterliegen auch die Freizeitaktivitäten den Gesetzmäßigkeiten des Unsichtbaren, und die Vermutung der Sehenden, dass es hart ist, geliebte Hobbys aufzugeben, kann ich nur bestätigen.

Wenn ich mich an meine Zeit als "Gucki" erinnere, fallen mir zahlreiche Dinge ein, an denen noch heute mein Herz hängt. Ich werde versuchen, einige meiner liebsten Hobbys, denen ich als Sehende nachging, festzuhalten, um parallel dazu aufzuzeigen, was nach meiner Erblindung daraus wurde. Jeder, der einen Verlust erleidet, sollte schauen, welches "Erbe" er aus dem alten Leben mitnehmen kann und welche Bereiche er vollkommen aufgeben oder neu entdecken muss. Manchmal lässt sich sogar eine Kompromisslösung aus "alt" und "neu" kreieren. Und nun mixe ich ihn zusammen, meinen Hobby-Cocktail, in den ich einige Zutaten hineinschütten werde, die meine Freizeit ausmachen.Keine Sorge, geschätzter Leser, ich möchte dich nicht mit allen Fassetten meines außergewöhnlichen Daseins behelligen. Ich glaube wir wissen es beide zu schätzen, dass du bestimmte Dinge nicht von mir weißt. Mein Anliegen ist es, einige spezifische Aspekte auszuwählen, welche sich in besonderem Maße auf das Blindheitsthema beziehen.

Ich für meinen Teil liebte, seit ich denken kann, Papier und Stifte, und ich liebte es, zu zeichnen und zu schreiben. Der Geruch von Schreibwarengeschäften zog mich magisch an. Den größten Teil meiner Freizeit verbrachte ich am Schreibtisch. Ich verfasste Briefe, gestaltete Bücher und Bilder und versah sie liebevoll mit kreativen Details. Dabei war mir meine eigene Handschrift heilig und ich schwor auf meinen schwarzen Füllfederhalter. Ich hegte und pflegte meine Stifte, als wären sie das Sprachrohr, durch welches ich mein Inneres veräußerlichen konnte. In der Schule war Kunst selbstverständlich mein Lieblingsfach. Nicht nur das Malen, sondern auch das Schneiden, Falten und Kleben gehörte zu meinen Favoriten. Sowohl bei meinen Bastelarbeiten als auch bei meiner Handschrift legte ich großen Wert auf Exaktheit. Jeder Strich und jeder Knick musste so perfekt wie möglich ausgeführt sein. Als ich bemerkte, dass ich aufgrund meiner fortschreitenden Augenkrankheit mit dem Kuli nicht mehr die Zeilen traf und mit der Schere nicht die Linie, ergriff mich die pure Verzweiflung. Ich klammerte mich an allem fest, was mir als Sehende eine so wertvolle Therapie gewesen war. Nahezu jeden Konflikt hatte ich mit Kreativität bewältigt. Aber ich verlor sie, die geliebten Pinsel und Farbtöpfchen, die Radiergummis und Anspitzer, meine Blei-, Bunt- und Filzstifte. Auch die dicksten Fasermaler schafften es irgendwann nicht mehr, von meinen Augen registriert zu werden.

Besonders schlimm wurde für mich die Zeit vor Fest- und Feiertagen. Gewohnheitsgemäß war das meine liebste Bastelzeit und ich zauberte gern kleine selbstgemachte Geschenke für meine Familie und Freunde. In meinem Kopf hatte ich eine genaue Vorstellung von den einzelnen Vorgehensweisen, aber ich konnte sie nicht mehr ausführen, da mir die optische Kontrolle fehlte. Es war sehr schmerzhaft, meine Ideen in die Hände eines anderen zu legen, der an meiner Stelle meine kreativen Hirngespinste umsetzen sollte. Ich entwarf nun meine Werke in der Fantasie und beschrieb einem Sehenden, wie sie in die Realität umzusetzen waren. Die Außenwelt bestaunte dann meist das Resultat als Erzeugnis des Sehenden, welcher dafür nicht selten reichlich Lob und Anerkennung erntete. Dass die Idee und der Weg zum Ergebnis meinem Hirn entsprangen, registrierte man nur am Rande. Das machte mich dann doppelt traurig. Liebe Freunde von mir kennen meine Leidenschaft für Selbstgebasteltes und entwerfen mir die schönsten Kunstwerke (Schmuck, Kerzenhalter, tastbare Wandbilder). Diese Dinge machen mich unbeschreiblich glücklich und ich ergötze mich daran. Ein wenig Wehmut schwingt jedoch immer mit, weil ich diese detailverliebten Sachen selbst nicht mehr herstellen kann.

Nun denn, eine Alternative schien sich aufzutun: das Töpfern. Das Arbeiten mit Ton und anderen formbaren Materialien vollzieht sich zu einem großen Teil haptisch. Ein tolles Gefühl, wie ich finde, denn die Finger stehen in direktem Kontakt zum Geschehen und können Emotionen zu Figuren formen. Das BFW Halle, die Einrichtung, in der ich tätig bin, beherbergt eine eigene kleine Töpferei und sie wird von blinden und sehbehinderten Hobby-Künstlern gern genutzt. Ich bin ein großer Liebhaber der dort entstehenden Töpferwaren, weil sie vom Gefühl geformt wurden und einen Charakter in sich tragen, der spürbar ist. Im Rahmen meiner Dunkel-Event-Veranstaltungen organisierte ich einmal mit meinem Team für "Guckis" einen Töpferabend im Dunkeln. Die Gäste erlebten diesen kreativen Ausflug als einzigartige Selbsterfahrung und waren erstaunt, als sie ihr Ergebnis bei Licht sahen. Mit anderen Worten: Töpfern ist etwas Großartiges.

So weit die allgemeine Betrachtung der Dinge. Bei mir persönlich gestaltet sich die Sache etwas komplizierter. Als ich also nun zum formvollendeten "Blindgänger" mutiert war, versuchte auch ich meine kreativen Ausbrüche am Ton auszuleben. Ich wusste schon als kleines Kind, dass blinde Leute töpfern. Ich habe es ausprobiert Und, wie soll ich sagen, ich hab mich nicht hineingefunden. Ich kam mir vor wie ein Kindergartenkind mit Knete, das ständig den Erwachsenen (in dem Fall den Sehenden) fragen muss, ob er mal helfen könne, ob er mal schauen könne. Ich wollte keine plumpen Vasen, keine Erzeugnisse, die vom Sehenden optisch nachbearbeitet werden mussten oder die ich nicht selbst bemalen oder glasieren konnte. Ich wollte filigrane Details, perfekte Proportionen und Symmetrien. Ich wusste, zu welcher Qualität ich in der Lage war, als ich sehen konnte, und ich ertrug es nicht, dieses Niveau so drastisch herunterzufahren. Als Sehende hab ich gern getöpfert, vorzugsweise ausdrucksstarke Gesichter, das gelingt mir heute nicht mehr, da das Auge beim Entstehungsprozess kein fotografisches Abbild erzeugen kann. Auch wenn ich vom Töpfern als kreatives und therapeutisches Mittel überzeugt bin, musste ich mir eingestehen, dass ich selbst damit meine Art der künstlerischen Entfaltung, wie ich sie von früher kannte, nicht kompensieren kann. Vielleicht wird sich das einmal ändern. Momentan möchte ich die Dinge entweder ganz oder gar nicht. Mit halber Qualität gebe ich mich ungern zufrieden. Dennoch erfreue ich mich sehr an den Kreationen anderer und ich liebe es, mit den Fingerspitzen die Tonwaren zu erfühlen, die sich in den Regalen unseres Gestaltungskabinetts tümmeln. Das Ertasten von Kunstobjekten trat seither für mich zunehmend an die Stelle des Erschaffens von Kunstobjekten.

Ich war ab diesem Zeitpunkt, mehr oder weniger unbewusst, auf der Suche nach einem geeigneteren Ventil, nach einer anderen Möglichkeit, meine Energien auch ohne Augenlicht zu veräußerlichen. Dieses Ventil, hoffte ich im Schreiben zu finden. Aber auch hier musste ein Umdenken geschehen. Noch heute neige ich dazu, nach der "Feder" zu greifen und mit Tinte in mein Tagebuch hineinzuerzählen. Nur diese Schrift ist für mich meine wahre Seelenschrift. Meine Kompromisslösungen sollten aber nun, nach meiner Erblindung, "seelenlose" Plastikkörper sein, tote Technik: der PC, der Streifenschreiber, das Diktiergerät (siehe auch Kapitel "Auf den Punkt gekommen"). Meine Schrifterzeugnisse nicht mehr visualisieren zu können, brachte mich fast um den Verstand. Noch heute greift meine Hand unwillkürlich zu Bleistift und Notizblock, bis die Augen ihr erklären, dass dieser Automatismus aus der Vergangenheit jetzt unbrauchbar ist. Dennoch habe ich gelernt, mich mit der plastischen, akustischen und synthetischen Schrift zu arrangieren und sie als Chance anzunehmen. Ich fing an, für Magazine und Literaturprojekte zu schreiben, veröffentlichte später mein erstes Buch und mutete der Menschheit noch ein zweites zu, und das dritte ist in Arbeit.

In meiner Zeit als "Gucki" war ich ein großer Fan von Zeitschriften. Ich studierte und archivierte sie und sondierte besonders wichtige Beiträge, um sie in die dafür vorgesehenen Ordner zu sortieren. Wenn Freunde von mir, nachdem ich selbst nicht mehr lesen konnte, nun um mich herumsaßen, um in jenen Zeitschriften zu schmökern, wurde ich fast wahnsinnig vor Verzweiflung. Ähnlich ging es mir, wenn ich in der Stadt an einem Zeitungsladen vorbeilief oder sogar hineingehen musste, weil sich mein "Begleit-Gucki" ein Heftchen mitnehmen wollte. Ich sollte mich dann immer damit begnügen, dass mir ja jemand vorlesen könne. Aber es war unmöglich, dass mir jemand all das vorlas, was mich interessierte. Ich war nicht dazu geboren, mir mal hier, mal da zwischen Tür und Angel ein paar Krümel vom Kuchen hinwerfen zu lassen. Ich wollte mir selbst die "Sahnetorte" in Schriftform aussuchen, in der ich lesen würde. Musikzeitschriften, Modezeitschriften, Fachzeitschriften Da war ein Paradies, ich liebte druckfrische Heftseiten und ich hasste den Umstand, dass ich von jeglichem Informations- und Inspirationsquell abgeschnitten war. Hörte ich dann noch, wie sich ein begeisterter "Gucki" mit Aussprüchen wie "Krass, was die hier schreiben" oder "Wow, geile Bilder sind hier drin" über meine geliebten Magazine ausließ, war ich emotional am Ende. Erschwerend kam hinzu, dass es keines meiner gewünschten Exemplare in Punktschrift oder als Hörzeitschrift gab. Ähnlich verhielt es sich mit diversen Szenekatalogen, in denen ich allzu gern schmökerte. Wenn ich sie aus dem Briefkasten nahm und nicht einmal mehr sehen konnte, ob ich sie richtig herum oder auf dem Kopf hielt, geschweige denn, was darin abgebildet war, hätte ich die guten Stücke am liebsten auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ich hatte seinerzeit auch ein Faible für Flyer und Eintrittskarten, die ich sorgfältig abheftete oder anpinnte. Die hatten sich aber nun auch vorgenommen, mir vorenthalten zu bleiben. Um mir über meine Misere hinwegzuhelfen, meinten es die Menschen in meinem Umfeld oft gut und lasen mir irgendwelche Fragmente vor, die ihnen spannend erschienen, mich aber weniger interessierten. Äußerte ich meinen Missmut, hörte ich Sätze wie: "Ich dachte, das interessiert dich" oder "Dann bekommst du wenigstens mit, was so passiert". Ich war aber auf der Suche nach ganz bestimmten Informationen und nicht nach denen, die andere als wichtig erachteten. Hier hilft eine Umkehrung, um die Dinge zu verdeutlichen. Würden plötzlich sämtliche Schriftinformationen ausschließlich in Punktschrift erscheinen, und die Blinden würden entscheiden, was die Sehenden erfahren sollen, würde so manch Sehender an dieser "Beschneidung" zu Grunde gehen, vor allem, wenn er einen hohen Bildungsanspruch hat.

Die Zeitschriften waren das eine, die Bücher das andere und noch tausendmal Schlimmere. Ich als personifizierter Wissensdurst verlor meine Nachschlagewerke, Lehrbücher, Lieblingsgeschichten. Ich konnte es nicht lassen, mir immer wieder Bücher zu kaufen, die ich schon längst nicht mehr "entziffern" konnte, in der Hoffnung, dass sie mir bald irgendjemand vorlesen würde. Da lagen sie nun ungelesen auf meinem Nachtschrank und trieben mir die Tränen der Trostlosigkeit in die unbrauchbaren Augen.

Nach und nach gelang es mir, mich in der Informationsvielfalt des Internets zu orientieren. Mein blindentechnisches Computersystem ermöglichte mir den Zugang zur "Außenwelt" und ich sah mich nicht mehr verloren im Nirvana der Blindheit. Darüber hinaus wurde ich Mitglied in den speziell für blinde und hochgradig sehbehinderte Menschen konzipierten Hörbüchereien, lieh Bücher aus, was das Zeug hielt, und sog Werk für Werk in mich auf wie ein trockener Schwamm das Wasser. Da sich scheinbar auch die "Guckis" die Domäne der Hörbücher erschlossen haben, wächst das Angebot an kommerziellen Akustik-Produktionen stetig. Mittlerweile findet sich in jedem gut sortierten Buchladen eine Hörbuchabteilung und ich habe auch wieder Freude daran, in solche Geschäfte zu gehen. Natürlich macht es mich nach wie vor traurig, dass oft ausgerechnet die Bücher, für die ich mich interessiere, nicht als Hörbuch oder als E-Book erhältlich sind, aber das reichhaltige Angebot erlaubt blinden Menschen dennoch mehr Alternativen als je zuvor.

Nicht nur Bücher und Zeitschriften waren und sind ein großes Thema in meinem Leben, sondern auch Film und Fernsehen. Mein riesiger Fernseher im Wohnzimmer verunsichert so manch sehenden Besucher: "Wozu braucht die Blinde eine Glotze?" Während meiner fortschreitenden Erblindung legte ich gehobenen Wert auf einen großen Bildschirm, in der Hoffnung, doch noch etwas zu erkennen. Ich arbeitete beim Anschauen von Beiträgen oft mit der Standbild-Funktion, hielt also die Sequenzen fest, um sie in Ruhe mit meinen schwachen Augen abscannen zu können. Kontrastreiche Darstellungen waren hilfreich. So konnte ich z. B. die Gesichter von Personen mit heller Haut und dunklen Haaren und Augen erahnen, während ich blonde Personen kaum wahrnahm. Oft kniete ich ganz nah vor dem Fernseher und flehte ihn an, er möge mir doch meine geliebten Bilder wiedergeben, irgendwann wählte ich dann nur noch die Sendungen oder Sender aus, in denen entweder Musik lief, oder überwiegend gesprochen wurde. Mir Filme erklären zu lassen, empfand ich als frustrierend, da ich trotz aller Anstrengung des Beschreibenden nur einen Bruchteil der visuellen Effekte über Erläuterungen erfassen konnte. Im gemeinsamen Fernsehen muss man ein eingespieltes Team sein, sonst kann das Erlebnis sowohl für den Sehenden, als auch für den Blinden extrem unbefriedigend enden. Audiodeskriptionen hingegen erlauben schon eher ein entspanntes gemeinsames Zuschauen und Hörschauen, denn hier werden an den richtigen Stellen die entsprechenden Filmszenen durch die Aktivierung eines bestimmten Kanals sehbehindertenfreundlich beschrieben. Ein Kommentator setzt immer dann mit seinen Erläuterungen ein, wenn er dadurch keinen entscheidenden filmischen Dialog stört. Das ist eine große Herausforderung für die Hörfilme-Macher, denn es ist nicht nur entscheidend, wann der Kommentator spricht, sondern auch, was er sagt und welche Akzente er setzt. Die Stimme kann nicht innerhalb der oft rasanten Bildwechsel sämtliche optische Feinheiten erläutern. Dennoch muss der Sprecher versuchen, alle für den Filmverlauf wesentlichen Vorgänge anzusagen, ohne dabei in seiner Wortwahl oberflächlich zu sein. Der Zauber einer optischen Szene ist oft schwer in einen gesprochenen Satz zu gießen. Hörfilme werden nicht speziell für blinde Menschen gedreht. Der Film ist stets vorher vorhanden und wird dann im Nachhinein mit einer Audiodeskription unterlegt. Aufgrund des hohen Aufwands ist das Spektrum des Angebotes noch relativ überschaubar, aber auch unbeschreiblich wertvoll. Vielleicht achtest du mal bewusst auf den Zwei-Kanal-Ton, geschätzter Fernsehzuschauer, wenn du das nächste Mal "Die Weihnachtsgans Auguste", "Das Dinner for One" oder einen Tatort ansiehst. Hier wird oft eine akustische Bildbeschreibung als Option angeboten. Verschiedene Kinos haben sich inzwischen auf die Vorführung von Hörfilmen eingelassen. Entweder bekommt der blinde Besucher die Erläuterungen über Kopfhörer vermittelt, oder sie werden für alle hörbar zugeschaltet. Erstere Variante ist für so manchen "Gucki" angenehmer, da er sich möglicherweise durch die akustischen Kommentare des Sprechers gestört fühlt. Kinobegeisterte sehbehinderte oder blinde Menschen müssen jedoch in den meisten Fällen auf einen mitgebrachten "Privatsouffleur" zurückgreifen, da die aktuellen Trend-Streifen eben für ein normalsichtiges Publikum geschaffen sind. In seinem Jugendroman "Wie Licht schmeckt" beschreibt der Autor Friedrich Ani sehr anschaulich, wie ein blindes junges Mädchen einen Kinonachmittag mit Freunden erlebt und sich durch deren Erklärungen und die eigene Intuition und akustische Analyse des Movies ein farbenfrohes Kopfkino erschafft.

Und nun konfrontiere ich dich noch mit etwas gänzlich Verwirrendem, du geplagter Studierender meiner Geschichte. Eines meiner größten Hobbys sind Fotografien. Ich liebe Bildbände und Fotoausstellungen und schaffe es nicht, mich von diesem Interessengebiet zu lösen. Vor allem kunstvolle Abbildungen von Frauen oder androgynen Männern beeindrucken mich sehr. So kommt es regelmäßig dazu, dass ich geeignete Freunde als Vermittler zwischen mir und dem Bild missbrauchen muss. Natürlich beschreiben drei verschiedene Leute ein und dasselbe Bild, ihrer subjektiven Wahrnehmung entsprechend, dreimal unterschiedlich und es kommt zu spannenden nicht minder wirren Ergebnissen in meinem Vorstellungsvermögen. Aber die Feenwelt schickte mir einige ihrer Feechen, darunter eine wunderschöne Gothic-Model-Engelsfrau, die ebenso wie ich, ausdrucksstarke Ladys und smarte Männerkörper mag. Wenn ich die Outfits und Posen des Models nicht selbst vorher ertastet habe, werden sie mir in allen Details erklärt. Fotos beschreiben zu können, erfordert ein besonderes Talent. Wenn ich selbst für verschiedene Projekte modele, stelle ich für die Fotografen eine spezielle Herausforderung dar, da ich nicht mit der Kamera "flirten" kann. Deshalb lasse ich mich von den entsprechenden Fotokünstlern mit Hilfe akustischer Anweisungen oder taktiler Signale in die gewünschte Position führen. Den Ausdruck, den ich in das Bild bringe, kann ich somit am eigenen Leib erfahren. Ich empfinde dies als Möglichkeit, mich selbst abzubilden, indem ich mich quasi als Passiv-Fotograf betrachte. Ich fühle das Motiv des Bildes auf eine lebendige Art und Weise und entwickle dabei ein blindes Verständnis für Perspektiven, Fassetten und Effekte. Oft habe ich ganz konkrete Wünsche, die der Fotograf dann für mich und an mir umsetzen muss. Der Vorteil liegt hierbei darin, dass ich aufgrund meiner Blindheit vollkommen bei mir selbst bin.

Blindheit ist nicht immer purer Verlust, sondern manchmal auch besonderer Gewinn. Meine Begeisterung für die Theater-, Tanz-, Gesangs- und Lesekultur z. B. musste ich nicht aufgeben, im Gegenteil, sie kam durch meine "Fähigkeit" blind zu sein, erst zum Tragen. Wie das funktionierte? Eigentlich ganz einfach: Ich verfolgte gemeinsam mit meiner Teamkollegin die Idee, eine Unsichtbar-Kultur zu schaffen und somit das Verständnis von Licht und Dunkelheit zu verkehren. Das wirklich Gigantische an unserem Plan war, dass die Blindheit nun nicht mehr nur Handicap blieb, sondern zum gestalterischen Element heranwuchs. Unser einzigartiges Konzept sollte "Szenenwechsel im Sinneswandel" heißen und die Finsternis zum Erlebnisfeld erklären. Und so geschah es. Innerhalb dieses sensorischen Experiments wurden nun in totaler Dunkelheit unsichtbare Theaterkollagen "Sinn"-voll inszeniert, um die Pforten zur Welt des "Anderssehens" zu öffnen. Die Darsteller waren selbst größtenteils blind oder hochgradig sehbehindert. Das modulare Prinzip des Dargebotenen erlaubte ein lebendiges Spiel mit den einzelnen Gestaltungselementen. Neue Ideen konnten jederzeit eingebaut, bereits bestehende angepasst oder verändert werden. Es wurde gelesen, gesungen, gedichtet, rezitiert und interpretiert, getanzt sowie geschauspielert oder abstrus performt. Und in den Hinterköpfen der Mitwirkenden schlummerten unzählige Varianten weiterer spannender Umsetzungsmöglichkeiten. Unsere aufgeführten "Sinn"-Bilder malten wir mit sehr viel Herzblut, und unser normalerweise sehendes Publikum war dabei tragendes Element. Wir entführten den interessierten Gast in das Fassettenreichtum der Blindheit und begleiteten ihn durch unser Programm.

Nach einer kurzen, einführenden Begrüßung wurden die sehenden Besucher gebeten, sich unter eine Augenbinde zu begeben. Darsteller und Gäste wurden nun zu "Szenenwechslern" oder "Sinneswandlern". Die vorübergehend erblindeten "Guckis" wurden unter der Augenbinde zu ihrem persönlichen Sitzplatz geführt und anschließend erlöschten die Lichter des Theaterkabinetts. Die nicht visuellen Sinne ließen eindrucksvolle Bilder bei den Hör-, Riech- und Fühlschauern entstehen. Das Fehlen optischer Zuordnungen ermöglichte ein intensives Erleben von Stimmungen und Empfindungen wie Melancholie, Heiterkeit, Stress, Entspannung, Unsicherheit und Geborgenheit. Die emotionale Wirkung intensiver unsichtbarer Momente sollte beim Publikum einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Da der gesamte Theaterraum als Bühne fungierte, befanden sich unsere Gäste mitten im Geschehen und wurden Teil der Inszenierung. Abschließend erhellte sich der Raum effektvoll, die Konturen traten hervor und die Welt wurde wieder sichtbar.

Wer den Mut zu kontroversen Literaturveranstaltungen besitzt, ist herzlich zu einer meiner Dunkel-Lesungen eingeladen. Emotionale Reibungen und Spieglungen sind hier durchaus gewollt. Das künstlerische Mittel heißt lyrische Konfrontation. Absicht ist es, Schallmauern zu durchbrechen. Nur wer das Dunkel zulässt, kann sein persönliches Licht finden. Ignoranz ist schließlich eine verlogene Bewältigungsstrathegie. Kunst darf nicht in jedem Fall leicht verdaulich sein, sie hat etwas zu sagen.Wer ihr mit dem richtigen Ohr lauscht, kann viel von ihr lernen.

Im Grunde gibt es unzählige Dinge, die mein Interesse wecken.In jeder Ecke lauern neue Herausforderungen. Seit ich nicht mehr sehen kann, verstärkte sich meine Wahrnehmung für Feinstoffliches. Die Unterstützung kleiner esoterischer Helfer weiß ich sehr zu schätzen. Ich befasse mich mit Disziplinen der Naturheilkunde, belegte ein Kräuterhexenseminar und erlaubte zahlreichen Heilsteinchen und ätherischen Ölen den Einzug in mein Reich. Da ich meine geliebten magischen Schriftzeichen nicht mehr erkennen konnte, wandelte ich Planeten und Runenalphabete tastbar um. Die auf Baumstammscheiben aufgeklebten Hölzchen eröffnen meinen Fingerspitzen nun wieder den Zugang zur Symbolik der vorchristlichen Kulturen. Ich ergänze auf diese Weise mein Weltbild zu einem sinnvollen Ganzen, ohne dabei den Sinn für die Realität zu verlieren. Ich suche Oasen, in denen Körper, Geist und Seele unter dem Regenbogen auf einer Blumenwiese ruhen und die Kraft der Elemente in sich aufsaugen. Ein duftiges Bad im Blütenmeer oder eine frisch gebrühte Tasse Gartenkräutertee können kleine Wunder bewirken.

Eigentlich bin ich ein Wald- und Wiesenmensch, der Pflanzen und Tiere liebt. Aber auch hier prägte mich der Verlust der visuellen Kontrolle nicht unerheblich. Naturwege sind oft nicht klar strukturiert und verlieren sich im Sträuchermeer. Orte, die ich wie meine Westentasche kannte, wurden plötzlich zu lebensgefährlichen Gefahren, denn ein Schritt zu weit nach rechts oder links konnte mich eine steile Klippe hinabstürzen lassen. Ohne optisch fixierbares Fernziel oder eindeutige Anhaltspunkte kann ein Wald zu einem unberechenbaren Schlund werden. Und ich stürzte mich immer wieder in diesen Schlund, weil ich meine Freiheit nicht aufgeben wollte. Ich verirrte mich, ich verletzte mich, ich verfluchte mich, und ich begriff, dass bestimmte Wege für mich allein zu gefährlich sein würden. Daraufhin erarbeitete ich mir ein sichereres "Wanderkonzept".

Ich begebe mich nach wie vor gern an verwunschene Orte, an denen ich die Anwesenheit von Naturgeistern zu erspüren glaube. In meiner Phantasie schlummern kleine Elfen in den duftenden Rosenblüten der Zaubergärten und der Glitzerstaub der Feenwelt legt sich schützend über meine Seele. Durch die Spaziergänge mit meinem Hund fand ich die Pforte ins Wunderland. Wir sind oft in der Natur und atmen die Luft des Ursprungs, riechen den Blütentraum, hören die Stimmen der Wiesen, Sträucher, Bäume und Bäche und fühlen Sonne, Wind und Regen auf Haut und Haar. Allerdings hat sich eine extreme Insektenphobie in meinen Kopf gepflanzt, da ich die krabbelnden und surrenden Biester nicht kontrollieren kann und nicht sehe, ob sich z. B. eine Wespe an mein Saftglas gesetzt hat oder ob ich unfreiwillig mitten in ein "bewohntes" Spinnenetz greife. Manchmal habe ich dann das Gefühl, überall um mich herum kreuchen und fleuchen hunderte von Käfern, denen ich ausgeliefert bin. Ich kann mich ja nicht optisch vom Gegenteil überzeugen. Aber das hält mich nicht davon ab, trotz allem die Natur zu genießen.

Hin und wieder besuche ich den benachbarten Friedhof. Mit dem Betreten des "Totengartens" erscheint die stress-rasende Alltagswelt irrelevant und unwesentlich. Lärm und Gestank scheinen keinen Einlass zu finden. Wenn die Zweige meine Schulter oder mein Gesicht streifen, fühle ich mich gestreichelt und willkommen. Ich entdecke gern mit meinen Fingerspitzen die Schönheit des Verfalls, modernde Grabsteine von Efeu und Spinnweben besetzt, bizarre Skulpturen, an denen der Zahn der Zeit nagte, kunstvolle Brünnchen oder historische Gruften, in denen die Wände keuchend vom Damals erzählen. Leider gelingt es meinen Händen nicht, alle Friedhofskunst zu erfassen (nicht falsch verstehen, ich interessiere mich weniger für die Kunstwerke unter der Erde).

Foto: Jennifer Sonntag in Ketten, Quelle: Fotostudio Faust

Aber auch die Dinge auf der Erde sind häufig an unerreichbaren Stellen angebracht und ich frage mich dann immer, warum ein Künstler eine taktile Plastik oder Skulptur schafft, welche man dann nur dem Auge und nicht dem "Gefühl" zeigen kann. Wer erklimmt schon ein fünf Meter hohes Denkmal, um es zu ertasten oder seilt sich von einem Kirchendach ab, um die aufgebrachten Stuckstrukturen zu erfühlen? In solchen Fällen ist es hilfreich, wenn es zu den "unbegreiflichen" Bau- oder Kunstwerken Tastmodelle gibt, die einem blinden Menschen eine Vorstellung vom betreffenden Objekt vermitteln können. Befinden sich solche Modelle allerdings hinter Glas, ist natürlich keinem geholfen, nur dem Sehenden, der eigentlich nicht auch noch ein Modell zum "Anglotzen" braucht, wenn er bereits das Original mit eigenen Augen erkennen kann. In Museen und Ausstellungen werden besonders wertvolle, aber eben auch für mich sehr interessante Dinge oft hinter einer Absperrung gesichert. In solchen Fällen wünsche ich mir immer ganz lange Teleskoparme, mit denen ich die den Händen so fernen Schätze erfühlen kann. Auch wenn es in dieser Hinsicht viele deprimierende Erlebnisse gibt, z. B. bei Stadtführungen, bei denen jeder dritte Satz "Hier sehen Sie" lautet, kann ich mich auch an unbeschreiblich schöne Momente erinnern. Mich hatte einmal eine Dienstreise nach München geführt und ich nutzte die Gelegenheit, die in den Abend gehüllte Stadt zu erfühlen. Der Dom, in dem ich stand, existierte gut erreichbar und mit Punktschrifthinweisen ausgestattet, noch einmal als Miniatur. So konnte ich mit den Fingern nachvollziehen, unter welchem Bogenelement ich mich gerade befand und ich konnte meine Klang- und Dufteindrücke mit meinen nun gewonnenen Tastvorstellungen kombinieren. Pure Beschreibungen können keinen so gesamtheitlichen Eindruck vermitteln. Aber selbst wenn es solche Modelle nicht gibt, haben die Hände eine Menge zu erkunden. Als ich in Leipzig die Nikolaikirche betrat, befand sich diese gerade in der Restaurierung. Ein sehr feinfühliger Restaurator, selbst wahrscheinlich mit einem guten Bewusstsein für tastbare Strukturen ausgestattet, erblickte mich und nahm mich bei der Hand. Jener Hand zeigte er nun liebevoll zahlreiche Details, die vermutlich nur die Fingerspitzen, nicht aber das Auge angemessen würdigen können. Es waren diese Kleinigkeiten, ein Engelsflügel auf dem Wandrelief, ein kunstvoller Knauf am Stuhl, eine Orgelpfeife. Natürlich blieben mir die überwältigenden Deckengemälde vorenthalten, aber ich war unbeschreiblich glücklich, denn ich hatte erkannt, dass eigentlich die ganz kleinen Erlebnisse ganz groß sind. In einer Folterausstellung in Querfurt hatten meine Hände die Chance, nahezu alle Exponate zu erfassen. Da es sich um Originalstücke handelte, war diese Erfahrung sehr intensiv und nachhaltig in der Verarbeitung. Pranger, Knebel, Keuschheitsgürtel, Sägen, Räder, Eiserne Jungfrauen, Streckbänke, Daumenschrauben, Pfähle und Zangen hatten größtenteils wahrhaftig vom gepeinigten Menschen gekostet. Jede einzelne Eisenspitze äußerst unbequemer Stachelstühle hatte menschliches Fleisch durchbohrt, und mich beschlich kurzzeitig das Gefühl, es würde noch immer Blut daran kleben. Diesen Effekt hätte ich nicht erleben können, wenn die Objekte auf Abbildungen dargestellt worden wären oder wenn man sie in Schaukästen oder hinter Absperrungen präsentiert hätte. Im Landesmuseum für Vorgeschichte im schönen Halle ergab sich für mich die Chance, das Original der Himmelsscheibe von Nebra mit einer Nachbildung zu vergleichen. Thema der geplanten Ausstellung war die Bronzezeit und es sollte für blinde und sehbehinderte Interessenten, parallel zur eigentlichen Ausstellung, ganz spezielle Führungen geben. Diese Idee fand unüberhörbaren Anklang und eine Auswahl von besonders relevanten Exponaten wurde den blinden und sehbehinderten Besuchern in die neugierigen Hände gereicht. Die entsprechenden historischen Hintergründe wurden akustisch vermittelt. Darüber hinaus hatte ich das Vergnügen, mich in Halle für ein weiteres, sehr wertvolles Projekt engagieren zu dürfen. Der Bergzoo hatte sich in Zusammenarbeit mit dem BFW vorgenommen, spezifische Führungen für blinde und sehbehinderte Besucher anzubieten. Wir statteten die Gehegebeschriftungen mit Punktschrift-Übersetzungen aus und ließen ein Hörbuch produzieren, welches nun nicht nur Unterhaltung bietet, sondern gleichzeitig einen akustischen Informationsspeicher darstellt. Bei jeder der regelmäßig angebotenen Führungen wählen die Mitarbeiter des Zoos drei Themengebiete aus, welche dann mit allen Sinnen durchlaufen werden können. Die sehbehinderten und blinden Interessenten erhalten so die Möglichkeit, einige der Tiere zu berühren, die sich gewöhnlich hinter Glaswänden oder Gitterstäben befinden und dadurch für die "Tastaugen" unerreichbar sind. Und auch meine Finger streichelten über ledrige Schlangenhaut, knackige Pinguinkörper, nackte Mäusebabys, harte Schildkrötenpanzer, die klebrig-feuchte Nasenspitze der Ameisenbärin oder huschige Affenschwänzchen. Außerdem werden verschiedene Felle, Geweihe und Raubtier-Gebisse zur taktilen Erkundung ausgestellt. Und dass man einen Zoo auch mit der Nase und den Ohren erfahren kann, ist sicher kein Geheimnis.

Es gibt unzählige Beispiele, in denen ich belegen kann, dass es gar nicht so schwer ist, behinderte Menschen in das kulturelle Geschehen einzubeziehen, wenn sich ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür etabliert. Ich erinnere mich an so manches nette Erlebnis: an einen riesigen, überdimensionierten Lederstiefel, dessen Konturen ich in Leisnig auf einem Mittelaltermarkt mit meinem Stock erkunden durfte, und selbst dazu war der Schuh noch zu riesig; an den wohlgeformten steinernen Popo einer Nymphe im Dresdner Zwinger, an das kleine Eukalyptusbäumchen im Radeberger Duftgarten Es ist unmöglich, alle Orte zusammenzutragen, an denen meine Sinne sehen lernten. Kein Ort ist nur Optik, es sei denn, man erlebt ihn auf einem Foto. Warum sollte man nicht aus Sehenswürdigkeiten auch mal "Blindwürdigkeiten" machen?

So manch Sehender stellt mir die Frage, ob ich in den Urlaub fahre und was ich denn eigentlich davon hätte, wenn ich doch nichts mehr anschauen könnte. Und meine Antwort lautet dann immer, dass ich natürlich in die Ferien fahre und dass eine Reise ja nicht nur für die Augen gemacht ist. Im Gegenteil, ein Urlaub ist Entspannung und Erlebnis für alle Sinne. Es gibt unheimlich viele Touristen, denen es nur darauf ankommt, tolle Fotos zu schießen, so viele wie möglich, überall, um sie dann begeistert ihren Freunden, Verwandten und Arbeitskollegen zu präsentieren. Dabei sind sie von der Hetzjagd nach Bildern häufig so abgelenkt, dass sie gar nicht spüren, was um sie herum passiert. Sie vergessen, den Urlaub tatsächlich zu empfinden, mit den Fingerspitzen, mit den Fußsohlen, mit der Nase, dem Mund, den Ohren. Somit verliert ein solcher "Glotztouri" ganze vier Sinne, während mir nur der eine fehlt. Ich empfehle meinen Seminarteilnehmern immer dann, wenn wir das Thema Blindheit und Urlaub diskutieren, sich bei ihrer nächsten Reise einmal bewusst den anderen Sinnen zu widmen. Es empfiehlt sich, neben dem Fotoalbum auch eine Art sensorisches Erinnerungsköfferchen anzulegen. In dieses Köfferchen kommt für jeden Sinn etwas Schönes hinein: Vielleicht ein leckerer Wein für den Gaumen, den leichten italienischen, den man abends auf der Terrasse genoss, als einem eine sanfte Meeresbrise um die Nase wehte, oder vielleicht die leckere Marmelade, die man sich auf den Mohnkringel strich und die es nur dort, an jenem besonderen Ort zu kaufen gab. Die Nase bekommt vielleicht die blumige Seife als Duftgeschenk, welche jeden Tag im Badezimmer des Hotels bereitlag, oder das verführerische Parfüm, das an die leidenschaftlich durchtanzten Nächte erinnert. Der Tastsinn wird möglicherweise mit einer wertvollen Brosche beschenkt, die man sich ausnahmsweise einmal gönnte, weil man ja im Urlaub war, oder von einer schönen Hagebutte, die auf dem Weg zum griechischen Restaurant über den Zaun ragte. Und das Gehör bekommt eventuell eine CD mit griechischer Musik, weil sie an die Stimmung erinnert, in der man sich befand, wenn man in jenem Restaurant zu Mittag aß. Wahrscheinlich haben die meisten Menschen einen solchen Erinnerungskoffer, sie wissen es nur nicht. Denk an dich, lieber Leser. Hast du nicht auch schon am Strand Muscheln und Steine gesammelt oder eine Schwanenfeder aufgehoben, um sie mit nach Hause zu nehmen? Ich bin sehr gern an der Ostsee, auf Usedom, dort wo sich die drei Kaiserbäder befinden. Dieser Ort ist mir heilig. Der Himmel ist dort oft so klar, dass ich manchmal noch den Mond erkennen kann. Das mal gewaltige und bedrohliche, mal verspielte und seichte Rauschen der Wellen, die sprudelnd meine Füße umspielen, die Rufe der Möwen, der unverwechselbare Geruch an den Fischerhütten, der Duft der Kiefern an der Steilküste, der Geschmack der salzigen Seeluft und die Feinheit des Sandes, der mir durch die Finger rinnt, lässt mich erkennen, dass ich hunderte kleiner Augen habe, die für mich sehen, auch wenn ihr Sehen ein anderes ist. Wer die Augen schließt, ist ja nicht automatisch abgeschnitten von seiner Umgebung, von der Sonne, die ihn bescheint, und vom Boden, auf dem er geht und steht. Auch du, lieber Leser, würdest mit geschlossenen Augen erkennen können, ob du dich in einer Tropfsteinhöhle oder auf einem Aussichtsturm befindest. Jeder Ort hat seine ganz einzigartige Aura und vermittelt eine ganz besondere Stimmung. Vielleicht erfreue ich mich an anderen Dingen als ein "Gucki", aber wer sagt, dass das falsch ist? Mir ist wichtig, dass ich die Welt auch von innen heraus empfinden kann und nicht nur von außen hinein. Ich möchte die Menschen und Dinge als das erkennen, was sie sind, und nicht als das, was Illusionen aus ihnen machen. Wer sich von Äußerlichkeiten "blenden" lässt, sieht nur das, was er sehen soll und nicht das, was er wirklich sehen kann.

So angenehm die Gedanken an erholsame Urlaubstage auch sein mögen, komme ich nun zu einem etwas für mich anstrengenderen Thema, nämlich zum Freizeitsport. Ausgerechnet mich "Sportallergikerin" fragen die Leute immer wieder gern nach den Fitnessmöglichkeiten, die sich blinden Menschen bieten. Obwohl ich mich, du ahnst es, geschätzter Leser, nicht gerade als Fitnessgranate bezeichnen würde, brauche ich doch einen körperlichen Ausgleich. Ich bin im Grunde den ganzen Tag über sehr angespannt und hoch konzentriert, jede Aktivität ist kontrolliert und geplant. Das Resultat sind oft psychische und physische Verkrampfungen, welche ein Ventil brauchen. Auf diese Problematik hatte ich im Kapitel "Ich würde mir den Strick nehmen" bereits hingewiesen. Meine Körperkoordination ist also aufgrund der fehlenden Überschaubarkeit meiner Umgebung in den Grenzen gefangen, welche ihr die Blindheit setzt. Ich vermisste es anfangs sehr, mich frei, wirklich frei zu fühlen. Sich frei zu fühlen hat etwas mit Bewegung und Emotionalität zu tun. Aber bei dem Versuch, mich einfach einmal zu strecken, einfach loszurennen, einfach einmal in die Luft zu treten oder eine raumgreifende Armbewegung auszuführen, stieß ich oft schmerzhaft an meine Grenzen und bezog jede Bewegung nur noch auf meine eigene Körperbreite, die ich einschätzen konnte. Jeder Abstand außerhalb meines Kontrollbereiches konnte peinliche Konfrontationen mit Gegenständen mit sich bringen (autsch ein Schrank, eine Tür, eine Stufe, ein Stuhl ).Die "Guckis" tun eine Menge dafür, dass ich mich hin und wieder böse stoße oder stolpere, denn sie stellen mir immer wieder gern mal ein Hindernis in den Weg. Ich weiß, sie tun es nicht mit Absicht, aber das ändert rein gar nichts am Resultat. "Paulchen Schmidt" hatte als er im Kinderzimmer kokelte auch nicht vor, die gesamte Wohnung samt Familie niederzubrennen, aber das interessiert das Feuer nicht und letztlich liegt doch alles in Schutt und Asche. "Das war doch nicht mit Absicht" ist also nicht immer eine angemessene Entschuldigung und Unwissenheit ist ein schmerzhaftes Argument. Schmerzen hat jedoch leider nicht der Unwissende, sondern der Blinde. Ja, ich sehe ein, das klingt hart, aber Hindernisse sind mitunter auch hart. Lieber Leser, du wärst doch auch ein klitzekleines bisschen sauer über Mitmenschen, die regelmäßig dafür sorgen, dass du irgendwo unfreiwillig blutest. Da ich aber nun nicht wie eine Berserkerin auf die rücksichtslos abgestellte Schubkarre losgehen kann, deren scharfe Vorderkante mir einen Muskelfaserriss im Oberschenkel verpasste, muss ich den Frust herunterschlucken und ihn in die Beulen- und Platzwundensammlung verdrängen, die mein Schmerzgedächtnis für mich angelegt hat. Damit nicht alles noch schlimmer wird, muss dieser ganze Stress- und Spannungssalat mal raus, aber so richtig. Zu diesem Zweck hab ich mir so das ein oder andere Fitnessgerätchen besorgt. Da lümmeln sie also nun in meiner Wohnung herum, die Stretchbänder, die Kurzhanteln, der Bauchtrainer und der Stepper. Klingt gut, oder? Find ich auch Da ist nur dieses eine Problem Ich bin aufgrund meines behinderungsbedingten energetischen Mehraufwandes oft so erschöpft, dass ich keine Kraft mehr für körperliche Aktivitäten habe. Mutter Natur hat mir freundlicherweise ein einigermaßen gleichbleibendes Körpergewicht geschenkt, welches mich trotz meiner zeitweiligen Sportträgheit nicht zu einer blinden Kugel mutieren lässt. Das soll aber nun nicht heißen, dass ich nicht regelmäßig meinen Körper zum Schwitzen bringe. Letztlich setzt sich das Bedürfnis nach Bewegung an irgendeiner Stelle durch, vor allem, wenn man aufgrund einer Behinderung permanent bewegungseingeschränkt ist. Es gibt Betroffene, die sich in dieses Schicksal fügen und sich einen "unkörperlichen" Ausgleich schaffen, einige jedoch werden sehr aktiv. Interessierten eröffnet sich ein weites Betätigungsfeld. Ich bemühe noch einmal das BFW Halle als Beispiel: Hier existiert ein Fitnessraum, in dem sich auch die nicht sehenden Sportler nach entsprechender Einweisung austoben können, es gibt Tanz-, Gymnastik-, Entspannungs- und Selbstverteidigungskurse und für die Wasserratten eine nahegelegene Schwimmhalle, die einmal wöchentlich speziell für die sehbehinderten Planscher eine Bahn freihält. Einige Mutige gehen sogar Schlittschuh laufen oder Tandemfahren. Eine besonders spannende Sportart in der Blindenszene ist der "Torball": Hierfür benötigt man zwei "blinde" Mannschaften und zwei Tore, einen Klingelball, eine Orientierungsmatte für jeden Spieler und in der Mitte des Feldes eine Schnur, welche ebenfalls klingelt, wenn sie vom Ball berührt wird. Das Ziel besteht natürlich darin, mit dem Ball das Tor der gegenüberliegenden Mannschaft zu treffen. Da hier die Ohren das Geschehen verfolgen müssen, sollte die Halle, in der gespielt wird, schallgedämpft sein. Irritationen durch Echos würden das Richtungs- und Entfernungshören erheblich beeinträchtigen. Mitspieler mit Sehrest agieren unter Augenbinden, um die vollblinden nicht zu benachteiligen. Der Schiedsrichter sollte jedoch aus verständlichen Gründen einigermaßen gut sehen, denn es geht um Turniersport und da kann sich jedes übersehene Tor fatal auswirken. Aber die hier aufgeführten Aktionsfelder sind noch längst nicht genug für einen Sportfanatiker. In meinem "blinden" Bekanntenkreis gibt es Bogenschützen,Maratonläufer, Fußballer und skifahrende Wintersportler. Das klingt wie ein Scherz? Ich gebe zu, hin und wieder gern einmal zu scherzen. In diesem Fall handelt es sich jedoch um die reine Wahrheit. Natürlich bedürfen diese besonderen Herausforderungen einer behindertenspezifischen Handhabung und werden zu einem großen Teil akustisch getragen. Leider hat nicht jeder Blinde die Möglichkeit, sich einer behindertenfreundlichen Institution anzuschließen, um dort mit anderen Betroffenen oder "Guckis" Sport zu treiben. Ungünstige lokale oder soziale Anbindungen stellen einem oft Hindernisse in den Weg. Man muss schon eine Weile suchen, um z. B. ein geeignetes Fitnesscenter zu finden, in dem die Leute außer ihre Muckis zu bestaunen auch noch mit einem Nichtsehenden umgehen können.

Wenn ich Sport treibe, benötige ich Musik, die meine Bewegungen trägt oder antreibt. Und somit habe ich auch gleich den Übergang zum nächsten Programmpunkt geschaffen, zu meiner Leidenschaft für Musik.

Meine Ohren erlauben mir, mich jeglicher Art von Klängen zu öffnen und das ist ein großartiges Geschenk. Das ganze Leben besteht aus Musik, sie ist überall, aber an dieser Stelle möchte ich über die Musik im ganz herkömmlichen Sinne sprechen. Das Spektrum ist riesig und nahezu unüberschaubar, und dementsprechend unüberschaubar ist auch meine Tonträgersammlung. Berührende Texte und Melodien gehören definitiv zu meinen "akustischen" Lieblingsspeisen. Nach meiner Erblindung litt ich allerdings sehr darunter, Konzerte zu besuchen, da ich die tatsächliche Anwesenheit der Akteure auf der Bühne nicht spürte. Die Töne drangen aus den Lautsprechern und das wirkt mitunter sehr künstlich und steril. Werden z. B. Live-Konserven über die Lautsprecher eingespielt, fällt es schwer zuzuordnen, ob es sich um einen realen Auftritt handelt oder nur um einen Mitschnitt. Playbacks sind ebenfalls sehr verwirrend. Ich lege großen Wert darauf, einen tatsächlichen Bezug zu den Musikern herzustellen. Ein Händedruck als gefühlte Autogrammkarte weiß ich unbeschreiblich zu schätzen. Erst dann wird mir die wahre Anwesenheit einer bestimmten angehimmelten Person "begreiflich". Da Konzerte für erklärende Worte meiner Begleiter zu laut sind, muss ich meist meiner Phantasie überlassen, was auf der Bühne geschieht. Ausgewertet wird dann später, wenn eigentlich schon alles vorbei ist. Natürlich kommt es bei einem Konzert auf das Hören an, dies sagen mir auch stets meine Tröster. Aber warum macht dann jeder Fan einen Heidenaufriss, wenn er keinen freien Blick zur Bühne hat. Alle recken ihre Hälse, um so viel wie möglich zu erkennen. Käme es nur auf die Ohren an, dann bräuchte es keine Bühnenshows, keine Beleuchtung und keine Stylings geben oder schlicht und ergreifend keine leibhaftigen Bands. Es gibt sie eben, diese Situationen, in denen die anderen Sinne doch nach den Augen schreien, weil sie es allein nicht schaffen, den erwünschten Eindruck zu vermitteln. Ich habe oft einfach das Gefühl, nicht wirklich dabei zu sein, weil alles aufgrund der zwischengeschalteten Technik ungreifbar fern ist. Am reellsten wirkt eine Stimme ohne Mikro und Verstärker und ohne Schummeleffekte, aber auch ich will's bei einem Konzert richtig laut haben, und dann geht es doch nicht ohne die liebe Technik. Mein Musikgeschmack ist nicht festgelegt und richtet sich nach meinen Stimmungen. Immer wenn es irgendwo eine auszufüllende Spalte gibt, die sich "deine persönlichen Lieblingsbands" nennt, weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. An erster Stelle steht natürlich "Lament", die Band, deren Keyboarder nun der Mann an meiner Seite ist. Natürlich bin ich aufgrund meiner "gruftigen" Gesinnung vom "schwarzen" Genre geprägt, für mich ist aber nicht entscheidend, ob irgendwo "Dark" oder "Gothic" drauf steht, mir geht es darum, was Musik für mich transportiert.

Hui, und da bin ich nun doch angelangt, beim "Gothic"-Begriff. Vielleicht hast du es gemerkt, aufmerksamer Leser, ich habe es geschafft, dieses Wort bislang größtenteils zu meiden. Dabei weiß ich, dass die meisten Leute, die auf mich treffen, sich gern einmal fragen: "Ob die Blinde wohl ein Grufti ist?" Da ich mir ja vorgenommen habe, all die Fragen zu beantworten, die an mich herangetragen werden, komm ich wohl auch um diese nicht herum. Warum mir das unangenehm ist? Ist es nicht. Hier also die Antwort: "Ich bin in erster Linie ich selbst und bin dabei von der Gothicszene inspiriert, aber auch von zahlreichen anderen Einflüssen". Wer Näheres über jene schwarzgefärbte Kultur erfahren möchte, möge vertrauensvoll Mister "Google" oder Miss "Wikipedia" im Internet befragen. Dort finden sich nette Definitionen. Ich jedoch definiere mich vollkommen unabhängig von Klischees oder Prestige-Motiven. Dingen, die ich spannend finde, gewähre ich Einlass, andere bleiben vor der Tür. Nahezu nichts im Leben ist absolut, jedenfalls nicht für mich. Ich versuche die Dinge aus der Metaebene zu beleuchten und mich nicht verbittert an unreflektierten Idealen festzuhalten. Grundsätzlich betrachte ich mich nicht als Provokation, sondern als ein Wesen, das mit wachem inneren Auge durch die Welt wandelt, während die stumpfsinnig glotzende Intoleranz oft mit aufgerissenen Augen die Wahrheit übersieht. Ich distanziere mich vom Mainstream und von ignoranten Menschen, welche keine Verantwortung für ihr Handeln übernehmen und ihre Hirnfunktionen scheinbar lebenslänglich hinter den Gitterstäben der Scheinheiligkeit eingesperrt haben. Ich sehe mich als Missionarin gegen soziale Ungerechtigkeit und soziale Missstände. Oft vergesse ich, dass ich "schwärzer" aussehe als die anderen. Wahrscheinlich schreite ich im Bewusstsein der Ungerechten durch einen falschen Film. Aber mein Film ist meine Wirklichkeit, ich spiele die Rolle in meinem Schauspiel und fühle, dass ich authentisch bin, denn ich werde nicht als meine eigene Lebenslüge durch die Welt streunen. Dabei möchte ich als toleranter Zeitgenosse verstanden werden, der seinerseits für sein Anderssein nicht verachtet werden will. Nur weil ich mich von etwas distanziere, bedeutet das nicht in jedem Fall, dass ich es nicht dulde. Auch "Gruftis" können mitunter sehr oberflächlich und armselig sein, denn sie sind ja auch nur Menschen. Rosa-gefleckt ist auch nur blau-geblümt, weil grün-gestreift auch gelb-gepunktet sein kann. Alles ist relativ. Es gibt eben keine "einfarbigen" Menschen, die nur gut oder nur schlecht sind; und auch ich bin alles andere als unfehlbar! Ich suche Tiefgründigkeit, Harmonie und Besinnlichkeit, Seelenverwandte, die sich respektvoll verhalten und die tatsächlich noch mit dem Herzen sehen können. Vielleicht reicht zur Erklärung ja dieser kitschige Satz: Ich fand mein Glück in der Schönheit der Nacht, in der Faszination des Verborgenen, in der Ästhetik des Grotesken und in der Dekadenz des Menschseins. Nach wie vor gilt meine größte Aufmerksamkeit meinen abstrusen, etwas "morbiden" Mitmenschen, die ebenso wie ich als Phönix aus der Asche auferstanden sind. Die Wasser des Lebens sind tief und ich tauche in den schwärzesten Schlamm, um am Grund den goldenen Gral zu entdecken.