Unter der Gürtellinie

Meine Leser wissen, ich freue mich immer über anregende Rückmeldungen zu meinen Büchern, aber die empörte Anmerkung eines Skeptikers: "die blinden Frauen in Ihrem Buch ‚Hinter Aphrodites Augen’ haben ja fast alle einen Partner!!!", brachte mein Blut schon ein wenig in Wallung, leider nicht im erotischen Sinn. "Und Sex haben die auch!", hätte ich am liebsten gesagt, tat ich aber nicht. Dafür legte er noch eins drauf: "Das müssen ja alles Männer sein, die einen Helferkomplex oder einen Fetisch haben, anders kann ich mir das nicht erklären. Nun, diese Motive spielten in den Partnerschaften meiner Protagonistinnen zu seiner großen Enttäuschung wohl eher nicht die Hauptrolle und war nicht gerade er jemand, der sich von seiner Frau die Einkäufe erledigen ließ und auf große Brüste stand? Ach nein, er hatte ja gar keine Frau und auch keinen Sex, wie konnten dann die Blinden… Dabei hätte sich eine ernsthafte Diskussion darüber, was erfüllte Beziehungen und guten Sex denn generell so ausmacht, schon gelohnt. Was wäre denn, wenn eine blinde Partnerin Intelligenz, Sinnlichkeit, Attraktivität, Engagement, Verständnis, Kreativität, Humor, Herzenswärme, ein eigenes Einkommen und noch eine Menge anderer positiver Eigenschaften mitbrächte? Leider brachte mein Gesprächspartner all diese Eigenschaften nur sehr sparsam mit und über dieses Handicap hätte ich ihm gern hinweggeholfen. Aber weil dieser Helferkomplex bei mir manchmal in einen Fetisch ausartet habe ich mir gedacht, er wird das mit dem Erkenntnisgewinn schon selber schaffen. Nein, ganz ehrlich und ohne Zynismus: Wer mehr über das Thema Sexualität und Behinderung erfahren möchte, möge sich einmal auf der Seite www.Kissability.de umschauen. Eine sehr niveauvolle Aufbereitung!

Hier aber zunächst meine fachliche Auseinandersetzung mit dem Thema, die schon ein wenig zurückliegt, jedoch an Aktualität nicht verloren hat. Die positiv gelebte Erotikdefinition blinder Frauen, die Unterstützung einer realistischen Körperbildwahrnehmung, die selbstbestimmte Auseinandersetzung mit Sinnlichkeit und Sexualität sind mir wichtige Anliegen. Ich wünsche mir auch in der Blindenpädagogik zukünftig einen offenen Dialog und erfrischende Konzepte:

Schönheit

Ein Themenschwerpunkt der "Gegenwart", Mitgliedermagazin des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes, Ausgabe 3/2010

Mit Leib und Sinnen

"Die Schönheit duftet süß und herb zugleich", sagt Alice Schwarzer. Und eine blinde Frau bindet gleich einen ganzen Strauß sinnlicher Assoziationen: Seidentücher auf nackter Haut, das Wispern einer Harfe, der Duft von Fresien und der Geschmack von Bitterschokolade. Liebe, auch körperliche Liebe wird längst nicht nur über die Augen erlebt. Trotzdem: Fehlt dieser Sinn oder ist er stark eingeschränkt, wird vieles schwieriger: die Wahrnehmung der eigenen Attraktivität, das Flirten, das Verlieben, die Deutung von Annäherungsversuchen, die Wahrung der eigenen Intimsphäre, letztendlich die Partnerwahl und die Entwicklung eines sexuellen Selbstbewusstseins.

Über das Thema wird bislang lieber geschwiegen als gesprochen. Jennifer Sonntag, Sozialpädagogin und selbst blind, will dies ändern und versucht, Frauen miteinander ins Gespräch zu bringen. Kann eine blinde Frau sexy sein? Und auf welche Weise ist ihr Erotikbegriff durch die Blindheit geprägt? Dies sind ihre Leitfragen, die zum Teil erschütternde Erfahrungsberichte zutage fördern – von sexuellen Übergriffen in früher Kindheit bis zur nie gefundenen Identität als Frau. Es scheint an der Zeit zu sein, dieses gut gehütete Tabu zu brechen, zumal das Thema "Sexualität" in der Blinden- und Sehbehindertenpädagogik offenbar immer noch ein blinder Fleck ist. Die "Gegenwart" befragt hierzu eine Sexualpädagogin von "pro familia" und zeigt am Beispiel der Carl-Strehl-Schule in Marburg, wie sich die Lehrer dem Thema stellen.

Blind, schön, sexy?

Porträt von Frau Sonntag mit Rose von Agy Reschka

Eigentlich wollte sie wissen, wie blinde Frauen zu Schönheit und Eitelkeit stehen. Ihr neues Buch "Hinter Aphrodites Augen" gibt viele Antworten. Doch dann kamen Impulse aus verschiedensten Richtungen und Jennifer Sonntag musste noch einen Schritt weiter gehen: Wie erleben blinde Frauen Erotik und Sexualität? Es geht darum, den privatesten Lebensbereich behutsam zu erkunden.

"Und Ihr Freund hat Sie nicht verlassen, obwohl Sie erblindet sind?" – "Hat der nicht behinderte Partner zwangsläufig einen Helferkomplex?" – "Kann Ihnen Ihr Partner nicht einreden, er sähe aus wie Brad Pitt, ist aber in Wahrheit hässlich wie der Glöckner?" – "Woher wissen Sie denn überhaupt, ob Sie selber gut aussehen?" – "Wie flirten Sie denn ohne Augenlicht?" – "Sind blinde Frauen nicht leichtere Opfer sexueller Übergriffe?" – "Sind Blinde sinnlicher?": Mal kompliziert verblümt, mal frei von der Leber weg prasseln Fragen wie diese bei meinen Seminarveranstaltungen auf mich ein. Dabei beobachte ich, dass meine sehenden Teilnehmer oft ein großes Interesse an der blinden Wahrnehmung von Partnerschaft und Erotik haben.

Ich bin als Diplomsozialpädagogin am Berufsförderungswerk für Blinde und Sehbehinderte in Halle in der Öffentlichkeits- und Rehabilitationsarbeit tätig. Innerhalb des Projektes "Sensorische Welt" vermittle ich mit meinem Team unseren sehenden Besuchern einen Eindruck von der Wahrnehmungswelt visuell gehandicapter Menschen. Betroffene unterstützen wir dabei, ihre ausgleichenden Sinnesreserven und Handlungskompetenzen zu schärfen. Mittels sensorieller Materialien, abgedunkelter Erfahrungskulissen und simulierter Licht- und Sichteffekte ermöglichen wir sowohl sehenden als auch blinden und sehbehinderten Menschen ein gegenständliches "Begreifen".

Zu meiner sozialpädagogischen Berufung gesellte sich meine eigene Erblindung, und dieser "Doppelwhopper" ist oft der Grund dafür, dass sich Ratsuchende verschiedenster Fachbereiche an mich wenden, da ich Anfragen aus unterschiedlichen Perspektiven angehen kann. Auf diese Weise entstehen immer wieder bereichernde Kontakte zu Universitäten und Fachhochschulen. Leider gibt die Literatur forschenden Akademikern oft nur unzureichende Antworten auf blindenspezifische Fragen, da aussagekräftige Publikationen, vor allem auf dem Gebiet der Tabuthemen, schwer zu finden sind. So auch in der Sexualpädagogik, wenn es um die Sexualerziehung oder Erotikdefinition blinder Menschen geht.

Während der Recherchen zu meinem aktuellen Buch "Hinter Aphrodites Augen", in welchem sich über 20 geburtsblinde und späterblindete Frauen verschiedenster Nationalitäten und Altersstufen zu ihrem ganz persönlichen Weiblichkeits- und Schönheitsempfinden äußerten, bestätigte sich diese Lücke in der Literatur. Die Wissenschaft scheint das Thema nicht mit einzuplanen. Google sortiert das Phänomen in die Abteilung der Witze und Skurrilitäten ein: "Lieber eine Blinde im Bett als eine Taube auf dem Dach!" Seriöse Informationen sind rar. Ich ging die "Rarität" in meiner Buchvorbereitung sehr vorsichtig an und wollte in meiner Anthologie zunächst herausarbeiten, welches Selbstbild vor allem blinde Frauen von sich haben, wie sie sich, ihre Körperlichkeit, ihr Aussehen wahrnehmen, was ihr generelles ästhetisches Empfinden ausmacht. Dabei musste ich feststellen, dass bereits die Auseinandersetzung mit dem blinden Schönheitsempfinden ein Tabubruch war. Kann Behinderung schön sein? Leider waren nicht wenige meiner Autorinnen bereits in frühester Kindheit dem Einfluss von antiquierten Elternteilen, Lehrern oder der Gesellschaft im Allgemeinen ausgesetzt, die sie erfolgreich zu grauen Mäusen gemacht, sie falsch beraten oder ihnen ein fragwürdiges Bild von Ästhetik in die Köpfe gepflanzt hatten: "Du kannst als Blinde keine langen Haare tragen, die kannst du doch gar nicht pflegen", "Als Blinde solltest du dich nicht so schick machen, dann musst du dich nicht wundern, wenn dir was passiert", "Ob du jemals einen Mann abbekommst?", "Deine Augen sehen zum Kotzen aus!". Wenn Blindheit also schon nicht ästhetisch sein darf, wie könnte sie sich erdreisten, auch noch ein erotisches Eigenleben entwickeln zu wollen?

Natürlich sind blinde Menschen, genau wie sehende, in ihren jeweiligen Persönlichkeiten sehr unterschiedlich. Der eine ist selbstbewusst bezüglich seiner auch erotischen Ausstrahlung, ein anderer komplexbehaftet und der nächste vielleicht vollkommen gleichgültig dem Thema gegenüber. Somit gibt es keine Grundsätze, die für alle gelten. Als Sozialpädagogin und Betroffene möchte ich Hilfesuchenden zur Seite stehen und Klischees entgegenwirken, dies jedoch nicht in erster Linie in der Sexualpädagogik, sondern in der beruflichen Rehabilitation. Aber selbst die rein geschäftliche Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit, mit eigenen Bedürfnissen und Qualitäten, Möglichkeiten und Grenzen, fällt vielen Betroffenen schwer. Dies bewiesen die Körpersprachekurse, welche ich gemeinsam mit einer engagierten Kollegin in der "Sensorischen Welt" des BFW Halle für blinde Rehabilitanden anbot. Die Kursreihe sollte die Teilnehmer, Männer wie Frauen, dazu bewegen, sich ihres Images, ihrer eigenen – auch optischen – Souveränität und Identität bewusst zu werden, um sich nach vollendeter Berufsausbildung auf dem Arbeitsmarkt behaupten zu können. Dabei wurde deutlich, dass sich einige Betroffene ihrer visuellen Wirkung nur unzureichend bewusst waren und wenig über nonverbales Senden und Empfangen wussten. Wir mussten also erkennen, dass vor und mit der beruflichen Rehabilitation eine ganz andere Rehabilitation stattfinden muss, nämlich die gemeinsame Erarbeitung eines inneren Spiegelbildes, auch wenn oder gerade weil dieser Teil des eigenen Selbst für den blinden Menschen unsichtbar ist. Schnell wurde uns klar, dass Unsicherheiten in der nonverbalen Kommunikation nicht nur das Geschäftsleben betreffen. Die Übergänge scheinen fließend, unsere Herangehensweise wurde ganzheitlich.

So war einer blinden Frau nicht klar, wie ein freundliches Lächeln ausschaut und auf welches nonverbale Repertoire eine Frau zurückgreifen kann. Einer anderen Betroffenen war nicht bewusst, wie viel eleganter es wirkt, wenn sie ihre Beine übereinander schlägt. Auch die Bedeutung von Frisuren, Kleidungsstücken und Schnittformen erschienen nicht jedem einleuchtend, der sich optisch nicht über Anzugsordnungen informieren konnte. Einem geburtsblinden jungen Mann war nicht aufgefallen, dass er die Distanzzonen zu seinen Gesprächspartnern und -partnerinnen nicht berücksichtigte und diese dadurch verprellte. Oft fehlten die Reflektionen. Es galt also, den Kursteilnehmern ein Gefühl für optische Fehltritte zu geben. Einer hochgradig sehbehinderten Teilnehmerin hatte nie jemand gesagt, dass sich in ihrem Gesicht ein auffälliger Damenbart abzeichnete. Ein erblindeter Rehabilitand hatte sich aufgrund seiner Gesichtsfeldausfälle eine unnatürliche Zwangshaltung angewöhnt, die ihn arrogant und verbissen aussehen ließ. Dies erwies sich nicht nur im Vorstellungsgespräch als hinderlich, sondern auch beim Kennenlernen potenzieller Partnerinnen.

Im Laufe meines Engagements für den hier behandelten Themenkomplex nahmen nun auch Kommunikationstrainer, Imageberater, Personal-Coachs, Casemanager und Psychologen Kontakt zu mir auf, um das Tabu aus ihrer Fachlichkeit heraus anzugehen. Die Blindheit als ästhetische Erfahrung, als eigene Interpretationsform von Schönheit und Körperlichkeit inspirierte zunehmend auch Fotografen und Filmemacher, welche sich mit ihren Ideen an mich wandten. Eine Anfrage von "pro familia" bezüglich einer sexualpädagogischen Studie zur Aufklärung blinder und sehbehinderter Kinder und Jugendlicher bewog mich letztlich dazu, die einzelnen Ströme zu kanalisieren.

Während einen Erotik und Sexualität in der sehenden Welt unausweichlich anspringen, kommt es zu großem Befremden, wenn sich der Begriff der Behinderung dazugesellt. Hier begegnen sich zwei Themen, die für sich genommen schon ausreichend Substanz für Spekulationen und Abwertungen liefern. Das ist mir sehr bewusst und deshalb möchte ich die "Kinderschuhe" nicht überstrapazieren. Weiterführende Konzepte und Projekte sind in Planung.

Jennifer Sonntag (30), Diplomsozialpädagogin am BFW Halle, Autorin, Moderatorin, erblindet durch Retinitis Pigmentosa und Makula-Degeneration

Porträt Jennifer Sonntag mit "Zigarette danach" von Elke Busching


Hinter Aphrodites Augen: Erotisches Gesprächsprotokoll

Kann eine blinde Frau sexy sein? Auf welche Weise ist ihr Erotikbegriff durch die Blindheit geprägt? Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, verabredete sich Jennifer Sonntag mit einer ausgewählten Gruppe blinder Frauen zu einer Gesprächsrunde. Für ihr Buchprojekt "Hinter Aphrodites Augen" protokollierte Sonntag die ihr am wesentlichsten erscheinenden Schilderungen und fasste sie zu jeweils sehr charakteristischen Erfahrungsberichten zusammen.

Vom Trauma zur Bitterschokolade (Simone S.)

Ich bin häufig gehemmt, mich als erotisches Wesen zu geben. Man suggerierte mir schon in früher Kindheit, dass ich mich nicht zu wundern bräuchte, sexuell belästigt zu werden, wenn ich mich nicht ausgesprochen verschlossen und farblos verhalten würde. Leider half der Rückzug in die oktroyierte Farblosigkeit wenig, da ich mir deshalb meiner Wirkung als Mädchen und Frau nie bewusst wurde und in meiner Schüchternheit erst recht unfreiwillige Bedrängung durch Männer erfuhr. Schließlich musste ich meine männlichen Begleitpersonen stets berühren, war auf einen engen Körperkontakt angewiesen, wenn mich jemand führte oder mir etwas zeigte. Ich war nie wirklich ohne Körperkontakt, wurde von Männern geschoben, gehoben, gedreht und getätschelt. Heute reagiere ich sehr empfindlich, wenn mir jemand unvermittelt in mein Gesicht greift oder meinen Körper berührt, um beispielsweise eine Fussel zu entfernen. Ich konnte lange Zeit nicht unterscheiden, was ich noch als Hilfestellung und was schon als sexuellen Übergriff deuten sollte. Erst weit nach der Geburt meiner beiden Kinder habe ich gelernt, souverän mit meinem Frausein umzugehen und mich selbstbestimmt erotisch zu geben. In meinem Freundeskreis berichtete nahezu jede zweite blinde Frau von sexuellen Übergriffen. Leider handelt es sich hier um ein gut gehütetes Tabuthema, übrigens auch in der Blindenpädagogik. So wurde mir erst mit 16 Jahren bewusst gemacht, dass ich meine Beine übereinander schlagen muss, wenn ich einen kurzen Rock trage und dass ein Mann mir in den Ausschnitt schauen kann, wenn ich mich zu weit nach vorn beuge. Was empfinde ich aber nun als erotisch? Eigentlich Sanftheit und Unaufdringlichkeit. Ich mag Seidentücher auf nackter Haut, mag das Wispern einer Harfe, den Duft von Fresien und den Geschmack von Bitterschokolade.

Stimmen wie Rotwein und Champagner (Ulla H.)

Die Schwingung von Stimmen hat für mich eine hochgradig erotische Wirkung. Ich spüre sie im Bauch. Sie erzeugen tiefe Vibrationen oder ein sprudelndes Prickeln. So wie ein schwerer Rotwein oder ein spritziger Champagner meinen Körper jeweils auf eine spezifische Weise beeinflussen, so tun es auch die verschiedenartigen Stimmen. Aber nicht nur die Tiefe ist entscheidend, sondern auch die Assoziation. Ich kann sowohl Männer- als auch Frauenstimmen mit inspirierenden erotischen Erfahrungen verknüpfen. So wie ein sehender Mensch nicht alles, was er sieht, erotisch verknüpft, erotisiere ich natürlich auch nicht alles, was ich höre. Es gibt Stimmen, die sind mir ausgesprochen unsympathisch und lassen die gesamte Erscheinung meines Gegenübers abstoßend wirken. Blinde Menschen sind keinesfalls frei von Vorurteilen. Ein Mann kann also aufgrund seiner mir unattraktiv erscheinenden Stimme schon durch mein erotisches Raster gefallen sein, auch wenn er vielleicht der perfekte Liebhaber gewesen wäre. Wenn ich Konzerte oder Lesungen besuche, erlebe ich in mir häufig erotische Momente, immer dann, wenn ich mich von einer Stimme tief durchdringen lasse. Solche Momente suche ich auch ganz bewusst und ich erlebe körperliche und mentale Entzugserscheinungen, wenn ich mich ihnen nicht regelmäßig aussetze.

Aphrodisierende Worte (Bettina O.)

Erotische Auslöser sind für mich nicht ausschließlich die Frequenzen von Stimmen, sondern die Inhalte der gesprochenen Worte. Philosophische Auseinandersetzungen mit meinem Gesprächspartner können mich elektrisieren, manchmal deutlich stärker, als es ein körperlicher Kontakt könnte. Es gibt Worte, die mich stimulieren, ohne dabei tatsächlich erotisch zu sein. Intelligente Ausführungen eines Themas können mich hörig machen, hörig im wahrsten Sinne des Wortes, "zuhörig" eben. Ich muss dabei das besprochene Thema noch nicht einmal besonders spannend finden, wenn es spannend kommuniziert wird. Körperlichen Abstand finde ich in anregenden Gesprächen sehr reizvoll. Kühle Distanz kann innerlich Brände legen. Das genieße ich sehr.

In meiner Partnerschaft ist es mir wichtig, dass mein Freund sein optisches Begehren in Worte übersetzt. Ich kann seinen Blicken nicht ansehen, ob sie mich gerade gedanklich ausziehen. Er muss Worte für seine Blicke finden. Das ist für Männer sehr schwer, da sie ohnehin eher optisch fixiert sind und Gefühlsregungen oft nicht so blumig artikulieren können. Aber genau diese Artikulation stachelt mich immens an. Deshalb inszeniere ich häufig erotische Zwiegespräche oder lese erotische Literatur. Ich fühle mich dann sexuell extrem erfüllt, da mich Worte, im Gegensatz zu Bildern, alles sehen lassen.

Indiskretes Kopfkino (Julia F.)

Für mich nicht wahrnehmbare optisch-erotische Momente imaginiere ich, suche nach visuellen Erinnerungen. Dann erzeuge ich ein Kopfkino, in dem alles, wirklich alles erlaubt ist. Dieses Kopfkino reichere ich in mir oft mit Geräuschen oder Düften an, die mich erotisieren, mich zu Wachs machen. Die in diesen Fantasien vorkommenden Menschen müssen nicht unbedingt Gesichter haben. Es geht viel mehr um Situationen, Stimmungen, Strahlungen. Es gibt Filmszenen oder Fotografien, die ich seit 20 Jahren nicht mehr gesehen habe, die aber eine so tiefgreifend erotische Präsenz haben, dass sie in meinem Gedächtnis immer wieder belebt werden. Manchmal stelle ich mir auch Gesten oder Blicke vor, die ich von Männern als Sehende gern auf mich wirken ließ.

Sinnliche Körpersprache (Claudia L.)

Erotik ist für mich persönlich in erster Linie meine Körperlichkeit, verbunden mit der Sinnlichkeit, die mir durch die Blindheit ursprünglicher, leibhaftiger erscheint. Seit meiner Erblindung bin ich sinnlich viel mehr bei mir, spüre meinen Körper intensiver und lebe die Berührungen meines Partners wahrhaftiger. Ich bin, was ich fühle. Extreme erotische Erlebnisse fühlen sich für mich an wie gleißendes Licht. Alles wird ganz hell, ich bin lichtdurchflutet, sehe manchmal Strahlen, manchmal Sterne. Ich erlebe das als vollständiges, allumfassendes Sehen. Ich liebe es, meinen Partner mit den Fingerspitzen zu entdecken, ihn mit allen Sinnen zu erkunden. Tast-, Geruchs- und Geschmackssinn sind sehr direkt, nah und nicht zu überlisten. Leider können Hände nicht überall sein und ich kann oft nur partiell wahrnehmen. Darunter leide ich auch bezüglich meines eigenen Körpers, da ich ihn in erotischen Momenten nicht überschauen kann, mich oft unsicher fühle und vergesse, wie schön, wie ästhetisch er sich optisch einfügt.

Bilderneid (Tina W.)

Für eine erblindete Frau ist es schwer, sich ganz ohne Spiegel ihrer erotischen Wirkung bewusst zu werden. Natürlich ist die Erblindung eine Chance, authentischer zu sein, auf sein Inneres zu hören, sich frei von optischen Illusionen zu machen. Aber selbst wenn ich es schaffe, mich unsichtbar erotisch zu finden, bleibe ich ja für den Mann, auf den ich wirken will, deutlich sichtbar. Männer brauchen Bilder. Sie reagieren reflexartig auf optische weibliche Reize. Selbst wenn es mir gelingt, mich frei von der sichtbaren Frau, die ich einmal war, zu machen, bleibe ich für die Jungs ein optisches Bild. Ich habe Angst davor, den Gesetzen der sichtbaren erotischen Welt nicht mehr zu entsprechen. Der Mann, mit dem ich verkehre, wird täglich überflutet von visueller Erotik. Ich kann mich im Gegenzug nicht an diesen Bildern erfreuen. Das führt dazu, dass ich sehr eifersüchtig auf alles Weibliche reagiere, was meinen Partner optisch beeinflussen könnte. Ich fühle mich ausgegrenzt und bin neidisch darauf, dass er seine optisch inspirierte Sexualität weiter leben kann. Aufgrund meines visuellen Kontrollverlustes entwickle ich zunehmend mehr Komplexe auf diesem Gebiet. Ich habe versucht, meine Psyche zu manipulieren, habe versucht, Lust an Bildern zu gewinnen, die er mir beschreibt. Aber das führte letztlich zu vielen Tränen, da es mir noch mehr verdeutlichte, was er alles sehen kann. Manchmal verbinde ich ihm die Augen, um mich überlegener zu fühlen, aber dieses Spiel ist für ihn auch nur deshalb akzeptabel, weil es sich eben um ein zeitlich begrenztes Arrangement handelt.

Blinder Blickfang (Laura N.)

Ich genieße es schon, ein optischer Blickfang zu sein. Der Vorteil meiner Blindheit besteht darin, dass mich andere Frauen nicht neidisch mit Blicken anzicken können. Das sehe ich ja nicht. Ich wirke daher immer losgelöst vom Konkurrenzdruck, den sehende Frauen sich oft antun. Ich mache mich schick, weiß, dass ich gut "gelungen" bin und lasse mich von anderen Frauen, die ebenfalls gut "gelungen" sind, nicht aus der Ruhe bringen. Sie respektieren mich dann oft ganz anders und ich stehe, auch im positiven Sinne, durch meine Besonderheit immer im Mittelpunkt. Das kann ein Vorteil sein, wenn Frau sich gern zeigt. Um für meinen Freund erotisch interessant zu bleiben, schlüpfe ich gern in verschiedene Rollen. Er soll auf keinen optischen Reiz verzichten müssen und ich präsentiere ihm gern, was er sehen will, oft auch auf schönen Fotografien. Wenn ich spüre, dass es ihm gefällt, fühle ich mich begehrenswert und um mich herum entsteht ein roter, erotisierender Nebel. Leidenschaft ist für mich rot. Und in diesem Nebel werde ich dann mal zur dramatischen Diva und mal zum verschmusten Kätzchen, niemals aber zur Blinden. Aphrodites Töchter haben viele Gesichter …

Ein übersehenes Thema?

Zu einem selbstbestimmten Leben gehört auch ein selbstbestimmtes Liebesleben. Während das Thema "Sexualität" in die Körper- und Geistigbehindertenpädagogik Einzug gehalten hat, tut sich in der Blinden- und Sehbehindertenpädagogik kaum etwas. Eine Sexualpädagogin aus Sachsen versucht, die Lücke zu schließen.

Sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen: Die fünf Sinne sind fundamental für ein erfülltes Liebesleben. So die landläufige Meinung. Was ist jedoch, wenn einer dieser Sinne nicht vollständig zur Verfügung steht oder gar fehlt? Ist dann nur ein sinnloses Erleben möglich?

Seit 2007 arbeite ich als Sexualpädagogin und Schwangerschaftsberaterin bei der "pro familia" Sachsen und bin somit Ansprechpartnerin für Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu Themen wie Freundschaft, Liebe, Partnerschaft, Sexualität und Verhütung. Hauptsächlich bin ich dabei in Kitas, Schulen und anderen Bildungsträgern unterwegs. Im Unterschied zum üblichen Aufklärungsunterricht arbeite ich im Sinne der emanzipatorischen Sexualpädagogik und vertrete dabei einen ganzheitlichen Ansatz. Der Vorteil der (nicht räumlich zu verstehenden) außerschulischen Sexualerziehung liegt zum einen in der Vielfalt der Gestaltungsmöglichkeiten und zum anderen in der informellen, vertrauensvollen Gesprächssituation. Die Lehrer und Erzieher gehen meist dankend auf das Angebot ein, da es ihnen noch schwer fällt, angemessen mit dem Thema umzugehen.

Neben dem Informieren und der Unterstützung der Teilnehmer und Teilnehmerinnen beim verantwortlichen Umgang mit Sexualität ist eine sensible Herangehensweise grundlegende Voraussetzung sexualpädagogischer Arbeit. Die Möglichkeiten der emanzipatorischen Sexualpädagogik hinsichtlich ihrer Methoden sind überaus vielfältig und selbstverständlich altersspezifisch. So gibt es neben verschiedenen spielerischen Angeboten in geschlechtshomogenen oder -heterogenen Gruppen und dem Einsetzen von Bildmedien auch klassische Angebote wie das Zeigen und Erklären von Verhütungsmitteln.

Im Bereich der Körper- und Geistigbehindertenpädagogik sind in den letzten Jahren zahlreiche Publikationen über sexualpädagogische Grundfragen und die Grundlagen sexualpädagogischer Begleitung von Menschen mit Behinderungen erschienen. Dies ist zu begrüßen, wird doch dadurch endlich akzeptiert, dass auch Menschen mit Beeinträchtigungen sexuelle Bedürfnisse haben.

Wie ich bei der Vorbereitung auf eine sexualpädagogische Veranstaltungsreihe im SFZ Berufsbildungswerk für Blinde und Sehbehinderte in Chemnitz feststellen musste, sind entsprechende Arbeiten im Bereich der Blinden- und Sehbehindertenpädagogik bisher nicht veröffentlicht worden. Die sexualpädagogischen Methoden der Behinderten- und Sonderschulpädagogik sind nur eingeschränkt einsetzbar, da sie zum großen Teil visuell ausgerichtet sind. Es liegt auf der Hand, dass für blinde und sehbehinderte Menschen beim Verlieben die Stimme und der Tastsinn wesentlicher sind und demnach die Fragen andere sind. Die Themen der Sexualpädagogik müssten also blindenspezifisch neu erarbeitet werden. Sicherlich sind einige bestehende Methoden umwandelbar, jedoch müssten das Hören, das Riechen, das Schmecken und das Fühlen in den Mittelpunkt rücken. Der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt. Beispielsweise könnte man den Menstruationszyklus anhand von Knete veranschaulichen. Spannend wäre außerdem die Frage, ob blinde und sehbehinderte Menschen nicht oft sogar sensibler sind, da die genannten Sinne für das sexuelle Erleben fundamental sind.

Ein Thema müsste ganz besonders betrachtet werden: das Thema Grenzen. Denn viele sehbehinderte und blinde Menschen haben schlechte Erfahrungen mit der Verletzung ihrer eigenen Intimsphäre gemacht. Sie werden häufig von Sehenden "in guter Absicht" angefasst und geführt. Deshalb erscheint es mir besonders wichtig, dieses Thema aufzugreifen, um die Betroffenen auf dem Weg zu mündigen und selbstbestimmten Persönlichkeiten zu begleiten. Nach einer Veranstaltungsreihe im SFZ Chemnitz stellte ich bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern große Wissenslücken und ein daraus resultierendes eingeschränktes Körpergefühl fest und stieß auf große Resonanz und viel Wissensdurst.

Warum blinde und sehbehinderte Menschen im Bereich der Sexualpädagogik bisher wenig Beachtung gefunden haben, bleibt im Unklaren. Da ich vor meiner Tätigkeit als Sexualpädagogin bereits im Berufsförderungswerk für Blinde und Sehbehinderte in Halle arbeiten konnte, ist mir dieser Bereich weniger fremd. Große Hilfe, Unterstützung und Zuspruch erhielt und erhalte ich durch Jennifer Sonntag. Mit ihr konnte ich bereits relevante Konzepte erarbeiten und Methoden zum Thema erproben. Ich fühle mich deshalb bestärkt, in Zusammenarbeit mit Betroffenen geeignete sexualpädagogische Methoden zu erarbeiten. Dabei ist es mir besonders wichtig, geschlechtsspezifisch vorzugehen und blinde und sehbehinderte Frauen und Männer in ihren jeweiligen Bedürfnissen zu stärken und zu unterstützen. Ziel ist es, eine Methodensammlung zu erstellen und diese in Multiplikatorenfortbildungen an die Mitarbeiter in entsprechenden Einrichtungen wie Schulen und Ausbildungsstätten weiterzugeben, damit die Notwendigkeit einer Sexualpädagogik im Bereich der Blinden- und Sehbehindertenpädagogik nicht weiter "übersehen" werden kann.

Jeannette Enders (31), Diplom-Kulturpädagogin, verheiratet, eine Tochter. Seit 2007 Mitarbeiterin der "pro familia" Sachsen, seit 2008 Studium "Sexualpädagogik und Familienplanung" an der FH Merseburg

Sexualpädagogik in der Praxis

Wie sieht es heute mit der Sexualerziehung von blinden und sehbehinderten Jugendlichen aus? Sich einen Überblick über die schulische Situation – von der integrierten Beschulung bis zu verschiedenen Förderschulen – zu verschaffen, ist äußerst schwierig. Die "Gegenwart" geht deshalb exemplarisch vor und hat bei der Carl-Strehl-Schule der Deutschen Blindenstudienanstalt (Blista) in Marburg nachgefragt.

Das Thema "Sexualität des Menschen" steht in verschiedenen Altersstufen (Sekundarstufe I und II) und Fächern auf dem Lehrplan. Dem Biologieunterricht fällt im Rahmen des sexualpädagogischen Auftrags der Carl-Strehl-Schule eine Schlüsselrolle zu. In den Jahrgangsstufen 5 und 6, wenn die Schüler an ihrem eigenen Körper Veränderungen erleben, werden die Geschlechtsorgane von Mann und Frau behandelt. Was bei sexuellen Kontakten passiert, wie es zu einer Schwangerschaft kommt und welche Verhütungsmittel es gibt, ist ebenso Thema.

Die spezifischen Probleme von Jugendlichen mit Seheinschränkung verlangen eine besondere Methodik. Deshalb mussten die Lehrer der Carl-Strehl-Schule viel Initiative aufbringen, um die Unterrichtseinheiten zu gestalten und geeignete Materialien zusammenzustellen. Neben Textmaterialien und taktilen Abbildungen kommen detailgetreue Kunststoffmodelle der Geschlechtsorgane zum Einsatz, die sogar die Möglichkeit bieten, einen Koitus zu simulieren. Diese Modelle wurden in den USA entwickelt und haben sich als besonders hilfreich erwiesen, vermitteln sie doch den Schülern eine realitätsnahe Vorstellung des anderen Geschlechts.

Bei älteren Schülern in den Jahrgangsstufen 8 und 9 wird das anatomische Grundwissen in den Kontext der eigenen Betroffenheit und Verantwortung gestellt. Wenn sich Jugendliche zum ersten Mal verlieben, bekommen sexuelle Partnerschaft und Verhütung eine neue Bedeutung. Weitere Themen wie Schwangerschaftsabbruch, Aids und Homosexualität kommen hinzu. Da die Fragestellungen zur Sexualität ganz unterschiedliche Lebensbereiche berühren, werden diese regelmäßig auch in den Fächern Deutsch, Ethik und Religion aufgegriffen.

Das Ziel einer emanzipatorischen (mündig machenden) Sexualerziehung, wie sie an der Carl-Strehl-Schule verfolgt wird, ist es, den Schülern eine positive Einstellung zur Sexualität zu vermitteln und fundierte Sachkenntnisse zu liefern, die ihnen helfen, Unsicherheiten abzubauen. In dieses Konzept werden präventive Aspekte integriert, die die Schüler stark machen und sie in die Lage versetzen, sexuelle Übergriffe zu erkennen und sich dagegen zu wehren.

Helmut Karges und Rolf Niggemeyer, Biologielehrer der Carl-Strehl-Schule