Paulchen und sein Frauchen

Mein erstes Jahr mit Blindenführhund Paul

Foto: Jennifer Sonntag mit Führhund

Foto: Jennifer Sonntag mit Führhund Paul für MDR-Format "Mit anderen Augen"

Dieses Projekt möchte realistisch von der Gespannarbeit zwischen mir und meinem Blindenführhund berichten. Vor einem Jahr bekam ich Paul. Seither begleitet er mich regelmäßig zu meinen Presse- und Fernsehterminen, um "Pfote" zu zeigen, für dieses wertvolle Hilfsmittel mit Seele. Paul ist auch bei meinen Engagements als Peer Beraterin und Inklusionsbotschafterin, in Kontakt- und Beratungsstellen an meiner Seite, im Hörsaal, in Kaufhallen und Gaststätten, bei manch Kulturveranstaltung oder Arzttermin und sogar in den Umkleidekabinen meiner Lieblingsshops. Er mag Ausflüge mit Zug und Straßenbahn, fährt gern im Auto mit, am liebsten jedoch sind wir beide allein zu Fuß unterwegs und genießen die Gespannarbeit an der frischen Luft. Das war auch der Grund, warum ich mir Paul so sehr gewünscht hatte, ich wollte wieder mobiler sein, mich selbstbestimmt im Freien bewegen können, ohne jemanden bitten zu müssen, mich an meine Zielorte zu begleiten. Im Laufe des letzten Jahres wurden mir viele Fragen zu Paul gestellt und wie unser blindes Verstehen funktioniert. Ich wurde auch immer wieder mit falschen Vorstellungen konfrontiert. Die drei am häufigsten gestellten Fragen zu Paul und mir möchte ich Interessierten gern durch meine Aufklärungsarbeit und im folgenden Beitrag beantworten.

Wurde Paul speziell für mich ausgebildet?

Eine gute Führhundschule ist daran interessiert, dass Hund und Halter zusammenpassen. Deshalb gab es ein Informationsgespräch, in welchem ich die Hundeschule und Pauls zukünftige Ausbilder kennenlernte. Umgekehrt konnte sich die Schule somit auch ein Bild von mir machen und einen Hund auswählen, der mein Wesen gut ergänzt.

Meine Hundeschule kooperiert mit ausgesuchten Züchtern, mit denen sie seit vielen Jahren positive Erfahrungen gesammelt hat. Wenige Führhundschulen züchten auch selbst. Schon im Welpenalter wird erkennbar, welches Tier sich zum zukünftigen Blindenführhund eignen wird. Mut und Selbstbewusstsein gehören dazu, denn ein zu ängstlicher Hund wird den blinden Menschen später nicht sicher durch ein turbulentes Szenario führen können.

Bereits im Junghundalter wird auf eine gewisse "Gesellschaftsfähigkeit" des Hundes geachtet und er wird an verschiedene Anforderungen und Umgebungen gewöhnt. Das geschieht meist in der so genannten Gastfamilie. Dort wächst er auf, bis er in der Hundeschule mit seiner eigentlichen Ausbildung beginnen kann. Ich habe viel Respekt vor Menschen, die eine so verantwortungsvolle Aufgabe übernehmen, den Hund auf seine Zukunft als Blindenführhund vorzubereiten und sich danach wieder schweren Herzens von ihm trennen. In manchen Fällen zieht auch der blinde Mensch selbst den Welpen auf, hier muss man aber sehr erfahren sein, sonst können sich gerade in dieser wichtigen Prägungsphase mangels optischer Kontrolle grobe Fehler einschleichen.

Hunde entwickeln sich individuell. Nach etwa einem Jahr Aufenthalt in der Gastfamilie, beginnt die circa neunmonatige Ausbildung an der Hundeschule. Erst danach lernen sich der Hund und der blinde Halter kennen und können ein Team bilden. Ich durfte Paul zwischendurch einmal besuchen, als abzusehen war, dass er mein Hund werden würde. Manchmal stellt sich während der Ausbildung heraus, dass ein bestimmtes Tier plötzlich Ängste entwickelt oder andere unerwünschte Auffälligkeiten zeigt. Es ist ein hartes Stück Arbeit und ein großes Glück für die Trainer, tatsächlich bis zur Phase der Einarbeitung mit dem blinden Menschen zu gelangen und ein noch größeres, wenn Hund und Mensch die geforderte Gespannprüfung bestehen.

Ich war ziemlich aufgeregt vor dieser Prüfung, hatte ich doch zwei Wochen intensiv an meinem Wohnort mit meiner Trainerin und Paul geübt und mein Herz gehörte schon vollkommen ihm. Wir haben es dann auch zusammen geschafft und ich bin noch heute beeindruckt davon, wie schnell Paul innerhalb dieser kurzen Zeit eine Bindung zu mir aufbaute und mich sicher führte. Aber es kann auch anders laufen und in diesem Falle wäre es vernünftig noch einmal nachzuschulen oder doch gegebenenfalls auf einen Hund zu verzichten, der nicht geeignet scheint. Allzu oft ist auch der Mensch nicht geeignet. In der Phase des Zusammenwachsens bleibt die Hundeschule Ansprechpartner für Fragen und Probleme rund um den neuen Begleiter. Da weder Tier noch Mensch Maschinen sind, sind hier viel Geduld, ein gemeinsames Herantasten und Annähern und Spaß am täglichen Dazulernen oberstes Gebot.

Paul gehört übrigens eigentlich nicht mir, sondern meiner Krankenkasse. Sie übernimmt die Kosten nach bestandener Prüfung für den Blindenführhund. So ein Helfer auf vier Pfoten kostet zwischen 25.000 und 30.000 . Mit Paul wurden mir auch Unterlagen zu den notwendigen Wesenstests und Gesundheitschecks überreicht, ebenso sein Ausweispapiere. Zur Erstausstattung gehörte auch ein weißes Führgeschirr aus Leder, dessen Bügel auf meine Körpergröße angepasst werden konnte. Ich muss manchmal schmunzeln, wenn ich gefragt werde, ob ich mir Paul aussuchen durfte. Ich sage dann immer: "Ich habe ihn lackschwarz bestellt, er wurde lackschwarz geliefert". Das war tatsächlich mein einziger Wunsch, ein schwarzer Labrador sollte es sein. Ich bin doch sehr froh, dass man mir ein so freudiges und selbstbewusstes Bürschchen auswählte, einen echten Stimmungsaufheller, der mir Ängste und Unsicherheiten nimmt und mir täglich Mut zu mehr Authentizität macht.

Wie hilft Paul mir im Alltag?

Als ich Paul erstmals in der Hundeschule besuchen und mit dem Hörlaut "Voran!" eine längere Wegstrecke mit ihm geradeaus laufen durfte, spürte ich bereits, dass für mich tatsächlich etwas voran gehen würde. Bevor man jedoch einen Führhund beantragen kann, muss man die Orientierung und Mobilität mit Blindenlangstock beherrschen und dafür ein Training absolvieren. Heute kann ich sagen, es war für mich zuvor immer wesentlich anstrengender, einen Weg Schritt für Schritt mühsam mit dem Blindenlangstock zu ertasten. Mit Hund laufe ich leichter, befreiter, sicherer. Da der Hund den Weg mit allen Hindernissen, Zielpunkten, Richtungsänderungen und Querungen überschaut, nimmt er mir diese mühsame Tastarbeit ab. Ich komme mit meinen "Augen auf vier Pfoten" viel schneller vorwärts und fühle mich wesentlich mobiler. Natürlich gab es innerhalb meines Einarbeitungslehrgangs ganz schön Muskelkater und der Kreislauf musste sich auch erst an das ganz andere Laufen gewöhnen. Schnell stellte sich aber die Erkenntnis ein, dass ich mit Hund wesentlich entspannter gehen konnte, als beim Unterhaken bei einer Begleitperson. Diese selbstbestimmte Fortbewegungsart mit Paul, der einfach prima zu meiner Gangart, meinem Tempo und meinem Rhythmus passte, entlastete meine Fibromyalgie-Beschwerden erheblich. Das ist eine schwere Schmerzerkrankung, die Muskeln und Sehnenansätze betrifft. Beim Laufen mit Führgeschirr kann ich Schultern und Arme nach unten fallen lassen und muss meinen Oberkörper nicht, wie beim Pendeln mit dem Langstock, anspannen. Ein super Nebeneffekt!

Ich möchte mit Paul natürlich nicht nur vorwärts kommen, sondern auch bestimmte Ziele ansteuern. Dazu ist wichtig, dass ich die Umgebung, in der er mich unterstützen soll, selbst einschätzen kann. Ich muss also eine Art "inneren Fahrplan" im Kopf haben und wissen, ob ich heute zum Beispiel Richtung Kaufhalle, Richtung Haltestelle oder Richtung Parkanlage laufen möchte. Vor das "Voran!" setze ich dann gezielt die Hörlaute "Links!", "Rechts" oder "Gerade!" und Paul beginnt zu Führen. Wenn es auf unseren Wegen Straßenüberquerungen gibt, bleibt er an den Bordsteinkanten stehen. Schätze ich ein, dass wir queren können, folgt das Hörzeichen "Rüber!". Paul hält auch kurz vor der gegenüberliegenden Bordsteinkante an, damit ich weiß, dass wir drüben angekommen sind. Möchte ich selbst an einer bestimmten Stelle übersetzen, sage ich "Links an Bord!" oder "Rechts an Bord!". Bin ich mir nicht sicher, wann die nächste Wegbiegung kommt, sage ich zu Paul "Links such Weg!" oder "Rechts Such Weg!". "Such Weg!" ist generell sehr hilfreich, wenn ich meine innere Skizze verloren habe und wieder in die Spur kommen muss. Hat er etwas für mich besonders Wichtiges aufgefunden, bekommt er ein Leckerli.

Paul macht es großen Spaß, mir wichtige Ziel- und Orientierungspunkte anzuzeigen. Dazu verwenden wir zum Beispiel die Hörzeichen "Such Ampel!", "Such Bank!", "Such Eingang!", "Such Treppe!", "Such Lift!" oder "Such Zuhause!". An für mich unübersichtlichen Orten haben wir uns auch selbst hilfreiche Stopps eingebaut, an denen Paul sich aufstellt. So weiß ich, wo ich bin. Das kann ein Papierkorb oder eine Hundetoilette sein. Für blindenunfreundliche Straßenlagen, bei denen es keine Ampeln oder Zebrastreifen gibt, haben wir uns mit der Trainerin gespannfreundliche Lösungen ausgedacht. Paul sucht eigenständig die querungstauglichsten Stellen auf. Den Rest müssen meine Ohren übernehmen. Allerdings nimmt mir der Hund sehr viel Konzentrationsarbeit ab und entlastet meinen Tinnitus erheblich. Mit Langstock hatte ich wesentlich stärker mit Anspannung und Tinnitus zu kämpfen. Das liegt auch daran, dass Paul Hindernisse sehr viel flüssiger umgehen kann, als ich allein mit Stock. Manchmal bekomme ich nur am Rande mit, dass da wohl etwas im Weg gestanden haben muss, denn wir sind schon geschmeidig daran vorüber geglitten. Das klappt sogar bei gefrorenen Pfützen, wie ich in meinem ersten Winter mit Paul feststellen durfte. Auch starke Bodenunebenheiten zeigt er mir an.

Versperrt uns etwas den Weg, zum Beispiel eine Mülltonne, bleibt Paul davor stehen. Ich taste dann mit dem Kurzstock nach und muss entscheiden, ob wir einen Engpass nehmen können oder auf die Straße ausweichen sollten. Mit "Linksseits!" oder "Rechtsseits!" geht Paul eng an einer Seite entlang, wenn ich einschätze, dass es ungefährlich für uns ist. Auch um Seitenhindernisse, zum Beispiel ausladende Dornenbüsche oder offene Autotüren, führt Paul herum. Die Höhenhindernisse sind für einen Hund eine echte Herausforderung, da sie für ihn und seinen Körper die geringste Rolle spielen. Er verliert sie schnell aus den Augen, wenn er nicht regelmäßig damit konfrontiert wird. Deshalb muss ich Paul immer wieder auch an Höhenhindernisse erinnern und sollte er eines übersehen, etwa herabhängende Äste, rüttele ich daran und sage "Aufpassen!". Wir machen dann kurz "Kehrt!" und korrigieren. So machen wir es auch, wenn Paul mal einen Bordstein übertritt. Ich muss aber sagen, bei meinen "Führmenschen" kommt das wesentlich häufiger vor. Es gibt Hörlaute, die ich bei Paul auch außerhalb der Führarbeit nutze. Dazu gehören: "Hier!", "Sitz!", "Platz!", "Bleib!", "Fuß!", "Langsam!", "Warte!" und "Pfui!".

Was mich in der Einarbeitung mit Paul bereits sehr faszinierte, war die so genannte Abgrundverweigerung. Der Hund musste dabei aktiv den Gehorsam verweigern, damit ich nicht in die Bahngleise stürzte. Ein Wahnsinnsgefühl, ihm so sehr zu vertrauen. Auf mein "Voran!" hin drängte mich Paul von der Bahnsteigkante und sperrte. Da er gelernt hatte, sich vor allem quer zu stellen, was für ihn wie eine heikle Lücke, ein Spalt oder ein Abgrund am Boden aussah, wollte er mich auch anfangs in den Fahrstuhl unserer Beratungsstelle nicht einsteigen lassen. Pauls Ausbilder erklärte mir, dass bei diesem Fahrstuhl der untypisch breite Spalt am Boden für den Führhund den Eindruck macht, als könnte sich Frauchen darin die "Haxen verknacksen". Da ich jenen Lift regelmäßig benötige, musste ich dem Hund an dieser einen Stelle die Verweigerung ausnahmsweise "ausreden".

Rolltreppen dürfen Blindenführhunde übrigens nicht benutzen. Die Linien der Straßenbahnen können sie nicht deuten und auch das Farbenspiel der Ampel können sie nicht interpretieren. Ich habe in einem professionellen Training mit Paul die Strecken und Abläufe erlernt, die ich alltäglich in meinem Umfeld brauche. Stück für Stück habe ich dann eigenständig meinen Radius erweitert und gerade die Wege, auf denen ich mich anfangs am häufigsten verlaufen habe, sind heute meine Lieblingsstrecken geworden. Allerdings heißt das nicht, dass wir uns auch an Orten sofort zurechtfinden, an denen wir uns nicht auskennen. Das wäre mit einer Begleitperson auch nicht anders. Hier muss man sich durchfragen oder Navigationshilfen nutzen. Jede neue Strecke muss von uns auch neu im Team erarbeitet werden, ob allein, mit Angehörigen oder mit Trainer. Das hängt immer von der Anforderung und den individuellen Möglichkeiten von Hund und Mensch ab. Wenn sich der Arbeitsplatz oder der Wohnort des blinden Menschen ändert, ist es möglich, eine Nachschulung zu beantragen. Bei verschiedenen Engagements an unterschiedlichen Orten oder ehrenamtlichen Tätigkeiten ist es schon schwieriger, einen Kostenträger zu finden. Hier muss ich, wie als Mensch mit Behinderung in anderen Lebensbereichen auch, für Paul und mich kreative Lösungen finden.

Wo wünschen Paul und ich uns mehr Verständnis?

Für Baustellen kann niemand etwas. Dennoch stellen sie für ein Führhundgespann eine große Herausforderung dar. Der Gehweg wird dadurch oft vollständig abgeschnitten und hinzu kommt ein Höllenlärm, der dem blinden Menschen die akustische Orientierung raubt. Ob die Straße frei ist, kann man hier blind beim besten Willen nicht mehr hören. Paul ist mutig und hat mir schon durch den größten Lärm geholfen, manchmal ist eine Baustelle aber so raumgreifend, dass wir keinen Ausweich finden. Hier können nette Menschen eine echte Navigationshilfe sein. Was man natürlich nicht verlangen kann, was aber extrem hilft, ist das vorübergehende Abschalten des lauten Geräts, bis das Gespann passiert hat. Es sollte sich von selbst verstehen, dass ein mutwilliges Erschrecken des Hundes Tabu ist, etwa durch Knallkörper. Das kann einen Blindenführhund im schlimmsten Fall "berufsunfähig" machen.

Ein großes Ärgernis sind für uns auf dem Gehweg parkende Autos. Wir müssen dann auf die Fahrbahn ausweichen, was für mich und den Hund gefährlich ist. Das kommt extrem häufig vor und ist wirklich frustrierend. An dieser Stelle ein Aufruf an alle Autofahrer: Bitte haltet die Fußwege frei! Und bitte haltet generell sämtliche Flächen und Bordsteine frei, die nicht beparkt werden dürfen, zum Beispiel den Kreuzungsbereich oder geschützte Straßenabschnitte vor Spielplätzen. Wir können noch so fleißig sichere Querungsstellen trainieren, wenn sie dann doch zugestellt werden, kann der Hund sie nicht finden und ich bin als Blinde zwischen all den parkenden Autos am Straßenrand nicht zu erkennen. Bitte macht es uns als Führgespann hier nicht so schwer!

Irritierend ist auch, wenn Fahrzeugführer den Motor laufen lassen und gar nicht beabsichtigen loszufahren. Ich warte dann am Straßenrand darauf, herübergehen zu können. Dabei steht der Fahrer vielleicht neben seinem Auto und hält ein Schwätzchen oder sitzt drin und telefoniert. Da ich in Geräuschen, nicht in Bildern denke, interpretiere ich diese Situationen oft anders als ein Sehender und verliere viel Zeit durch vergebliches Warten.

Als sehr problematisch erlebe ich das unberechtigte Zuparken von Behindertenparkplätzen. Da wir manchmal als Gespann mit einem Auto transportiert werden, benötigen wir etwas Raum zum Ein- und Aussteigen, weil der Hund für sein "Hopp!" ein wenig Ansprungplatz braucht. Mein Fahrer befindet sich oft im wahrsten Wortsinn in der Klemme, wenn er in die engsten Lücken ausweichen muss, während die Behindertenparkplätze mit SUVs zugestopft sind. Hier fordern wir mehr Achtsamkeit, denn wie mag es in einer solchen Situation erst einem Rollstuhlnutzer gehen!?

Was uns als Gespann außerdem sehr beeinträchtigt ist am Boden liegender Müll. Besonders Glasscherben können zu üblen Schnittverletzungen an den Hundepfoten führen und den Hund für einen langen Zeitraum führuntauglich machen. Auch bei Paul waren wegen einer solchen Verletzung bereits Tierarztbesuche und entzündungshemmende Spritzen nötig. Da der Labrador eine Mischung aus Staubsauger und Müllschlucker ist, interessiert er sich leider für so manchen Unrat, der ihm unter die Nase kommt. Wir blinden Menschen können das nicht kontrollieren und ihn nicht davor schützen. Deshalb die Bitte an unsere Mitmenschen, Gehwege und Parkanlagen nicht zur Müllhalde verkommen zu lassen und die Papierkörbe zu benutzen. Es ist unglaublich, was Menschen alles so fallenlassen. Die einfachste Rechtfertigung ist dann immer: "Das ist doch ein Blindenhund, der dürfte das gar nicht nehmen." Er ist auch nur ein Hund und der blinde Mensch kann nicht mit Augenkontrolle und Blickkontakt arbeiten, er kann also immer erst einen Schritt später reagieren. Das ist sehr schwer. Mit Giftködernetz um die Schnauze kann der Hund sich weniger gut auf die Führarbeit konzentrieren, da ihn dieser zusätzliche Fremdkörper ablenkt. Viel einfacher ist es für sehende Mitbürger, den Müll gar nicht erst auf die Straße zu werfen. Damit unser wertvolles Hilfsmittel mit Seele nichts Gefährliches oder gar Tödliches aufnimmt, bitten wir Führhundhalter inständig darum informiert zu werden, wenn eine Giftköderaktion, zum Beispiel von der Hausverwaltung, geplant ist. Zum Glück sagten mir meine Angehörigen, dass in unseren Kellern Rattengiftrollen angebracht wurden. Die Warnhinweise können blinde Menschen nicht lesen und ihre Hunde auch nicht.

Meine Trainerin ist eine taffe Frau und hatte mich bereits gut darauf vorbereitet, dass mancher Zeitgenosse, dem ich auf der Straße begegnen würde, sich selbst für den größten Experten in Sachen Blindenführhund hält. Sie hatte auch vollkommen recht damit, dass es auch verletzende Bemerkungen geben würde und ich an meiner Einstellung arbeiten muss, um diesen selbstbewusst begegnen zu können. Als Paul gerade drei Wochen bei mir war, hatten wir eine große Runde mit vielen Hörzeichen und Straßenüberquerungen gemeistert, ich war so stolz. Nur am Ende gab ich ein "Links voran!", zu zeitig, da mir das Abschätzen von Entfernungen noch schwer viel. Wir landeten in einem fremden Grundstück und ernteten den mürrischen Kommentar: "Na, der muss aber noch viel lernen". Dabei hatten wir schon so viel gelernt und diese Frau sah nur den einen Fehler. Was wusste sie vom Leben blinder Menschen? Das ärgerte mich maßlos. Ich wusste nun, was meine Trainerin gemeint hatte. Es ist normal, dass Führhundgespanne sich schon mal durch innere oder äußere Irritationen verirren können, auch noch nach vielen Jahren, erstrecht aber in der Zeit des Zusammenwachsens. Perfektionismus und Erblindung, mit diesem Anspruch wird man spätestens dann scheitern, wenn man mit einem Tier arbeitet. Zu besonders kränkenden Mitmenschen würde ich gern sagen: "Urteile nicht, bevor du nicht einen Tag in meinen Schuhen gegangen bist."

Durch Paul habe ich gelernt, mutiger und selbstbestimmter aufzutreten und auszuhalten, nicht jedem gefallen zu können. Ich muss mich immer wieder durchsetzen, wenn jemand Paul ein Leckerchen mitbringen möchte oder ihn während der Führarbeit anspricht. Oft bringen uns Menschen vollkommen aus dem Fluss, indem sie wenig hilfreiche Kommentare abgeben und den Hund, der sich eben noch konzentriert hat, durch ihr Agieren ablenken. Einmal hat zum Beispiel ein Mann mit seinen "klugen Ratschlägen" so umständlich auf uns eingewirkt, dass ich am Ende vor ein Verkehrsschild gelaufen bin. Besser wäre gewesen, er hätte sich ruhig verhalten und uns vorbeiziehen lassen. Gegen einen freundlichen Gruß, einen kurzen Plausch oder angemessene Hilfe ist jedoch nichts einzuwenden. Diese leitet man am besten mit einer Frage ein: "Kann ich helfen?". Oder wenn man sich bemerkbar machen möchte: "Nicht erschrecken, ich stehe neben Ihnen."

Pauls ganzer Körper wedelt voller Vorfreude, wenn ich das Führgeschirr vom Haken nehme. Wenn ich es ihm anlege weiß er, dass er dann ein Diensthund ist. Dennoch wurde sein Wesen nicht durch die anspruchsvolle Ausbildung gebrochen und ich möchte mit der Vorstellung aufräumen, dass ein Blindenführhund wie ein Plastikhilfsmittel auf Schienen und mit Scheuklappen vor den Augen neben dem Blinden herfährt. Er ist nicht tot für die Welt um sich herum. Paul ist ein Blindenführhund, ja, aber auch er hat einen ganz eigenen Charakter, Instinkte, hündische Verhaltensweisen, die speziell ihn auszeichnen. Er ist ein junger Rüde und nicht blind für Artgenossen. Andere Hundebesitzer helfen einem Führhundgespann, wenn sie ihre Tiere anleinen und nicht frei auf den angeschirrten Führhund zulaufen lassen. Auch pöbelnde Hunde stören die Führarbeit sehr und sollten uns zügig in einem großzügigen Abstand umgehen. Manche Hunde sind so laut, dass ich mich erst wieder konzentrieren kann, wenn sie um die Häuserecke verschwunden sind. Für einige Hundehalter ist es auch vollkommen normal, dass ihr "Pfiffi" Paul anbellt und anknurrt, während sein "Wuff" nicht akzeptiert wird. Sie hinterfragen sich selten. Ja, auch ein Führhund darf Reaktionen zeigen, darf mal bellen, sich freuen, sich ärgern, wird mal einen Duft am Boden "lesen" wollen. Ich sage es noch einmal, er ist keine Maschine! Besonders schön ist es, wenn Paul seine Kenndecke "Blindenführhund in Freizeit" tragen darf und seinen Artgenossen im Freilauf begegnen kann. Sozialkontakte sind auch für ihn wichtig und wenn er nicht im Dienst ist, ist er ein ganz normaler Hund.

Kraft schenken mir all die positiven Erfahrungen, die ich durch und mit Paul sammeln durfte. Mir ist es bislang nicht ein einziges Mal passiert, vorausgesetzt der Hund trug Führgeschirr oder Kenndecke, dass ich mit ihm ein Geschäft oder ein Lokal nicht betreten durfte oder dass uns ein Taxifahrer nicht mitgenommen hat. Im Hotel darf Paul als Blindenführhund sogar kostenfrei übernachten. Nur einmal gab es Diskussionen mit einer Zugbegleiterin, da sie Paul abrechnen wollte. Leider müssen viele Führhundhalter noch allzu oft um kleine und große Selbstverständlichkeiten kämpfen und es kommt immer wieder zu zermürbenden Auseinandersetzungen, zum Beispiel durch Zugangsverbote zu Krankenhäusern, Einkaufszentren, Restaurants oder Schulgebäuden. Ich möchte insbesondere in meiner Rolle als Inklusionsbotschafterin auf die Rechte von blinden und hochgradig sehbehinderten Führhundhaltern (die weibliche Form sei stets eingeschlossen) aufmerksam machen und durch meine Aufklärungsarbeit dazu beitragen, Diskriminierung zukünftig zu vermeiden. Wir müssen nicht draußen bleiben! Auch in meine Sendungen kann ich Paul inzwischen ganz selbstverständlich mitnehmen, um ein Zeichen zu setzen, für ein selbstbestimmtes Leben mit Behinderung und für ein Sehen mit anderen Augen.